Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108 bemerken, dass wir auch später öfters das Wort ergriffen und in allen Fragen im Sinne unserer Prinzipien gesprochen haben. Während der heftigsten Debatte ersuchte uns ein Franzose, in die französische Sektion einzutreten. Wir dankten und erklärten, wir seien ebenso eine Nation wie die Franzosen. Nachdem die meisten aus diesem Grunde von einer „Section juive" nichts wissen wollten, weil sie fürchteten, dass die Protestanten und Muhamedaner ebenfalls auf eine eigene Sektion Anspruch hätten, da mussten wir wieder erklären, dass wir uns als Nationalität und nicht als Religions- ^enossenschaft gruppierten und um jedem Missverständnisse vorzubeugen, verlangten wir eine „Section nationale juive". Abgesehen von den Sitzungen der Konferenz, haben wir auch einen anderen Erfolg zu verzeichnen. Unser Protest, den italienischen Juden gegenüber, die die rumänische Trikolore trugen, hatte den gewünschten Effekt. Nur wenige von den italienischen Juden hatten früher von unseren nationalen Bestrebungen gewusst, nur wenige hatten von der Judenfrage in Rumänien gehört. Ein charakteristisches Beispiel für den Effekt unseres Auftretens ist, dass ein Italiener in grösster Rührung uns erklärte, er sei von seinen Eltern getauft worden, verpflichte sich aber, von jetzt an Jude zu bleiben und seinen Kindern eine jüdische Erziehung zu geben. Während der Festvorstellung kamen jüdische Notabilitäten in unsere Loge, um uns mit „Schalom alechem" in Venedig zu begrüssen. Der Präsident der „Corda Fratres" entschuldigte sich bei uns wegen der Wahl des Stückes — es wurde der Kaufmann von Venedig gespielt — er beteuerte, dass man uns nicht damit verletzen wollte, man habe es deshalb gewählt, weil die ganze Begebenheit in Venedig spielt. Von individuellen Bekehrungen könnten wir noch viele Beispiele geben, unsere blau-weisse Schärpe wirkte ansteckend. Viele Juden, welche vergessen hatten, dass sie Juden sind, erinnerten sich daran. Wir können nicht alle Details angeben, aber wir versichern, dass sie der Judenfrage nicht unnützlich waren. Die Vertreter der meisten italienischen Zeitungen verlangten von uns Aufklärungen und brachten auch tagsdarauf sehr ausführliche Artikel. Der nächste Kongress wird im Gegensatz zur Venediger Konferenz beschlussfähig sein. Sache der jüdischen Studentenschaft wird es sein, aus unserer Sektion einen grossen jüdischen Studentenbund zu bilden, der schon durch die Zahl seiner Mitglieder sich den Namen „Section nationale juive" erzwingen würde. Wir bitten deshalb die jüdischen Studentinnen und Studenten, welche sich als Juden fühlen, ohne Unterschied der politischen Meinungen, sich schon jetzt in unsere Sektion einschreiben zu lassen. Die Delegierten. Wie schon in dem Berichte geschieht, muss vor allem hervorgehoben werden, dass die Verhandlungen einen grossen moralischen Sieg der beiden unermüdlichen jüdischen Delegierten bedeuten. Wenn trotzdem eine Sektion Juive nicht gegründet wurde, so scheint mir das zu beweisen, dass trotz allem und allem die rumänischen Studenten noch wenigstens ebensoviel S3rmpathien haben als die jüdischen. Nun, das wissen wir auch von Deutschland her, aber es ist ein guter Gradmesser für die Intensität des Juden-