Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 No. 7/8. der Geschichte an, und von Erwig, von Egika, von Siesebut, von Wamba oder wie sonst ihre Könige hiessen, wissen kaum noch die Gelehrten. Die Kirche suchte von vornherein die Erlösten von den Verdammten, die Christen von den Juden zu sondern; sie verbot jeden Verkehr mit ihnen, sie sollten keine christlichen Dienstboten halten, keine Aemter bekleiden dürfen, aus allen Lebensgebieten sollten sie verdrängt werden. Jahrhunderte hindurch wiederholen die Synoden ständig diese Forderungen. Schon das muss die Wirksamkeit dieser ganzen Gesetzgebung als fraglich erscheinen lassen; hätten die Verordnungen Erfolg gehabt, wären in diesen Jahrhunderten die Juden wirklich aus dem Zusammenhang mit dem nationalen Leben herausgerissen worden, dann hätte man diese Bestimmungen so wenig zu wiederholen brauchen, wie etwa heute das Gebot, ein Grundherr müsse seine Leibeigenen freilassen, das vor hundert Jahren am Platze war. Lud wirklich, was schon die häufigen Neueinschränkungen der Judengesetze vermuten lassen, das bestätigen gleichzeitige Geschichtsquellen, so namentlich die Schriften des Erzbischofs Agobard von Lyon. Agobanl schiieb unter Ludwig dem Erommen einige Broschüren über die stets wachsende Bedeutung der Juden, zu deren Bekämpfung er auffordert. Ihn schmerzt, dass trotz jahrhundertelanger Arbeit die Kirche mit ihren Bestrebungen nicht durchdringen kann, er klagt, wie die Juden dem Kaiser wegen der Erzväter lieb seien, wie sie in Ehren bei ihm aus- und eingingen, wie sie Kleider zeigten, die die Prinzessinnen angeblich ihren Frauen geschenkt hätteii, wie ihretwegen Märkte von Sabbaten auf andere Tage verlegt würde, wie törichte Christen sogar erklärten, die Juden predigten ihr.en besser, als ihre Pfarrer, und wie es sogar schon dahin gekommen sei, dass infolge grosser Vertraulichkeit manche Christen den Sabbat mit den Juden feierten.") Eines geht aus diesen Auslassungen gewiss hervor, obgleich die Kirche nunmehr schon seit Jahrhunderten die Juden zu isolieren suchte, hatte sie doch keinen Erfolg gehabt, und es bedurfte noch vieler Hetze, bis das grosse Ziel erreicht war. Noch im Jahre 1205 beklagt sich Innocez III. darüber, dass dem Zeugnis von Christen gegen Juden nicht geglaubt, das der Juden gegen Christen aber angenommen werde. Auch die bekannte Stimmung des III. Laterankonzils, wonach die Juden einen gelben Fleck an ihrer Kleidung als Erkennungszeichen tragen mussten, fand nur langsam und nur beschränkt Anwendung; die Synoden beschweren sich immer wieder von neuem, die Juden entzögen sich dieser Vorschrift, die gleiche Klage stimmt Gregor IX. 1233 an und das Wiener Provinzialkonzil von 1267 stellt mit Bedauern fest, dass dieses schöne •alte Gesetz vergessen sei. Bei dieser Gelegenheit sei übrigens nebenbei noch erwähnt, dass auch sehr honette christliche Kreise bisweilen durch den Zwang zur Anlegung einer bestimmten Kleidung, die sie dem allgemeinen Hohn und Spott preisgeben sollte, gekränkt wurden, so im 18. Jahrhundert die preussischen Advokaten. Nicht weniger als 7 Konzilien haben in den Jahren von 692 bis 1434 bestimmt, Christen dürfen keine jüdischen Aerzte zu Rate ziehen. Über *) Man erinnere sich des Übertritts des Priesters Bodo zum Judentum. Vide „Annales Bertiniani". Red.