Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1902-09-01 · Heft 6 (September 1902) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 6 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3553284-3553289--0098-3553386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 6. 91 mehr Recht, ihr Lebenswerk als den Teil einer jüdischen Kunst zu betrachten, als das eines jüdischen Künstlers, den Angelegenheiten seiner Nation indifferent gegenübersteht, haben wir nicht. Eine jüdische Kultur wird von selbst wieder mit einem jüdischen Staatswesen in die Erscheinung treten. Dann wird die Anwendung des einzig richtigen Kriteriums dessen, was zur jüdischen Kultur zu rechnen ist, kein Gewaltakt mehr sein, sondern gerechtfertigt und geboten: Alle materielle und ideelle Produktion von Juden wird jüdische Kultur heissen. So mag z. B. im zukünftigen Nationaltheater zu Jerusalem ein Trauerspiel meinetwegen aus der Zeit der Bauernkriege oder der römischen Kaiser gegeben werden, ist der Dichter ein Jude, so gehört das Drama zur jüdischen Poesie; in der Landesausstellung ebenda mag Liebermann seine neuesten Tierbilder ausstellen, sie werden zur jüdischen Kunst zu rechnen sein. Die eigeneKultur ist für das jüdischeVolk ein Bedürfnis; die materielle, weil nur durch ihren Mangel, d. h. durch die fehlende ökonomische Selbständigkeit in erster Linie das Elend der meisten — besonders der östlichen — Volksgenossen bedingt ist, aber auch die äusserlich besser gestellten Juden der westlichen Länder an der Entfaltung ihrer ganzen Persönlichkeit durch Erschwerung und Einschränkung der Berufswahl gehindert werden; die ideelle Kultur ist besonders für die letzteren erstrebenswert, weil sie, die ihre Bildung innerhalb der Kultur anders gearteter Völker gemessen, das Gefühl der Disharmonie zwischen dem geistigen Besitz, der ihnen durch die Erziehung gewohnt und lieb geworden ist und ihrem eigentlichen seelischen Bedürfnis nie los werden, aber auch die armen Brüder des Ostens sollen ideale Güter besitzen, die sie über die Misere des Lebens hinausheben. Die eigene Kultur ist für das jüdische Volk ein Lebensbedürfnis. Nicht ewig kann sein abnormer Zustand bestehen, so kann es nicht immer leben. Wer lebt, will a b er 1 eben. Darum will das jüdische Volk auf eigener Scholle ein unabhängiges Dasein führen, eine selbständige Kultur haben. Ob diese grosse „ideale Werte" schaffen wird, kann vorläufig ganz gleichgiltig sein.*) Das jüdische Volk hat nicht damit seine *) Jch. befinde nrch hier nach alter, liebgewordener Gewohnheit wieder einmal in einer Meinungsverschiedenheit mit meinem Freunde „Sanctus" (S. vor. No. dieser Zeitung.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.