Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 6 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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90 No. 6. Gott und "Welt, von Tugend und Laster sind bestimmend für die Gewohnheiten und Vorlieben in der Lebensführung, für die Gedankenrichtung der Weisen, die Gefühlswelt des Künstlers. Die sittlichen Ideen sind der praecise Ausdruck des nationalen Imponderabile, das unbewusst in jedem schlummert; durch die Erziehung überliefert bringen sie es zum bewussten Sein und zur Erscheinung in Werk und Tat. So sind die ethischen Vorstellungen die Träger der nationalen Eigenart und bleiben deshalb bei jedem Volke dieselben, so lange es selbst besteht: die Tafeln der Werte, welche die Völker über sich hängten, sind ein monumentum aere perennius. Somit können wir von einer produktiven ethischen Kultur, das heisst von einer fortlaufenden Neuschaffung ethischer Werte bei keinem Volke sprechen. v;. ijc Wir glauben nachgewiesen zu haben, dass von der Kultur eines zerstreuten Volkes nicht die Rede sein kann. Man spricht heute bereits von den Anfängen einer jungjüdischen Kultur. Ich hatte schon zu Anfang dieser Zeilen vorweg bemerkt, was ich jetzt als bewiesen erachte, dass dies ein Irrtum ist, die Vorwegnahme der Erfüllung einer Sehnsucht. Noch klarer wird das, wenn wir sehen, welche Kriterien für die Verkünder der jung-jüdischen Kultur massgebend sind, um z. B. Kunstwerke unter den Begriff einer jung-jüdischen Kunst zu bringen. (Die Kunst ist es ja übrigens hauptsächlich oder fast ausschliesslich, in der man die neue Kultur in die Erscheinung treten sieht.) Natürlicherweise kann nur die direkte zur Schau getragene Begeisterung des Künstlers für das jüdische Volk und die meist hieraus folgende Wahl jüdischer Stoffe zur künstlerischen Gestaltung massgebend sein. Auf diese Weise werden nicht gerade die bedeutendsten lebenden jüdischen Künstler als die neuen Propheten angeschwärmt, manchmal gerade die schwächsten und lieber mit Stillschweigen zu übergehenden Werke hervorgesucht, um sie als Vertreter der jüdischen Kunst hinzustellen*). Man kann von diesen Künstlern nur sagen, dass wir uns freuen können zu sehen, wie sie oft mit dem Besten, was sie zu geben haben, ihre Liebe zu ihrem Volke ausdrücken; *) Und auch auf diese Weise bleibt der Kreis der Betrachtung noch so dürftig, das sich „Ost und West'4 mit. Rembrandt, Rubens und gar mit Max Rabes die Spalten füllen muss.