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Der jüdische Student · 1902-09-01 · Heft 6 (September 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 6 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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No. 6. 89 dischen Maler Israels und Liebermann zur holländischen bez. deutschen Kunst. Für einen Teil der Kunst, die Poesie, ist es weniger die staatliche Gemeinschaft, die es uns möglich macht, eine nationale Zusammenfassung vorzunehmen, als vielmehr die gemeinsame Sprache (die allerdings in der Regel nur zusammen mit territorialer Einheit auf die Dauer besteht). Soll eine Dichtung zur Poesie eines Volkes gerechnet werden, so muss sie in der Sprache des Volkes geschrieben sein; was das Volk sein eigen nennen soll, muss auch wirklich sein eigen sein, eine Dichtung jedoch, welche in einer dem Volke fremden Sprache abgefasst ist, ist für dasselbe ein Schatz in einem verschlossenen Kasten, zu dem der Schlüssel fehlt. Ich erwähne das, weil aus diesem Grunde die in hebräischer Sprache oder im sogenannten Jargon abgefassten poetischen Werke zu der Poesie keines Volkes gezählt werden können; als die jüdische Poesie können wir sie nicht bezeichnen, weil die betreffenden Sprachen nicht von allen Juden gekannt werden und nicht alle jüdischen Dichter in ihnen schreiben; wir können also nur von einer hebräischen und von einer jüdisch-deutschen Poesie sprechen.*) Was schliesslich das Gebiet der Ethik angeht, so zählt dasselbe nicht mit, wenn von produktiver Kultur die Rede ist. Die Entstehung der sittlichen Ideen bei einem Volke fällt in dessen Werdezeit. Jedes Volk hängt über sich die Tafeln seiner Werte."**) Auf ihnen steht die Eigenart des Volkes verzeichnet, denn auf seine ethischen Wertschätzungen ist im letzten Grunde die nitionale Besonderheit in allem, worin sie erkennbar ist, zurückzuführen. Die Beurteilung des Menschen und seines Zweckes, des Lebens und seiner Bedeutung, des Todes und seines Sinnes, und die hierauf gegründeten Anschauungen von *) Dasselbe würde übrigens mutatis mutandis von der gesamten ideellen und materiellen Produktion der Juden oder, im allgemeinen gesprochen, der Angehörigen eines zerstreuten Volkes gelten, falls man keine Ausnahme davon zulassen wollte, dass gemäss der allgemeinen Kulturdefinition man zur Kultur eines Volkes nur die Erzeugnisse seiner eigenen Söhne zu rechnen habe und in Folge dessen es nicht zugeben würde, dass jene unter die Kulturen der Wirtsvölker einzureihen sei; auch dann würde sie nicht als jüdische Kultur zusammenzulassen sein, sondern man könnte nur etwa von den Dichtungen dieses oder jenes jüdischen Poeten, den Eorschungen jüdischer Gelehrter etc. sprechen. **; Nietzsche.

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