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Der jüdische Student · 1902-09-01 · Heft 6 (September 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 6 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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88 No. 6. stehend, ausgeschieden haben, um das Gebiet der Kunst und der Ethik. Zunächst die Kunst: Es ist über jeden Zweifel erhaben, dass sie bei jedem Volke durch dessen Eigenart beeinflusst wird, und man könnte deshalb in der Tat glauben, dass auch ein zerstreutes Volk eine eigene Kunst besitzen könne. Aber dagegen bedenke man: Haben die Werke von Künstlern so greifbare, in die Augen springende Merkmale der Eigenart ihres Volkes, dass es gerechtfertigt oder gar geboten wäre, sie als dessen Kunst zusammenzufassen, wenn die Nation über die Erde zer^ streut ist? Der Grundzug an national besonderer Empfindungsweise, der in den Werken jedes Künstlers zweifellos vorhanden ist, wird allerdings oft so deutlich sein, dass er beim ersten Blick auffällt, in vielen Fällen jedoch wird es unmöglich sein, aus dem Kunstwerk überhaupt, geschweige denn beim ersten Blick einen Rücksehluss auf die Nationalität des Künstlers zu machen. Ein Beispiel: Dass Böcklins Werke zur deutschen Kunst gehören, ist sicher, sicher ist auch, dass man die Eigenart deutschen Volkstums in ihnen erkennt*, sehr zweifelhaft ist aber, ob man ohne weiteres zu dieser Wahrnehmung kommen würde, wenn man seine Abstammung nicht kennen würde und sie aus seinen Gemälden bestimmen sollte. Volkliche Eigenart ist nicht eine Schnur, auf welche der Geist aller Volksgenossen aufgezogen ist, sondern sie gewährt Spielraum; wie die Völker mit ihrer Individualität sich innerhalb der Grenzen des Menschentums bewegen, so die einzelnen Personen mit der ihren innerhalb derjenigen des Volkstums. Auf diese Weise können sich Nationen an den Grenzen ihrer Eigenart nahe kommen. Da also nationale Besonderheit auch in den Werken der Kunst sich nicht so klar und deutlich ausspricht, dass durch sie allein die Schöpfungen aller Künstler eines Volkes sich als zusammengehörend dokumentieren, so gilt von der Kunst bei einem zerstreuten Volke dasselbe, was ich von der materiellen Kultur und der Wissenschaft gesagt habe; es wäre ein Akt der Willkür, den Sammelbegriff einer — um bei den Juden zu bleiben — jüdischen Kunst aufzustellen. Vielmehr halte ich es auch hier für durchaus richtig, die Erzeugnisse jüdischer Künstler zur Kunst der Völker zu zählen, in deren Staat sie wohnen. So rechne ich z. B. ohne Bedenken die Dichtungen des jüdischen Dichters Heine zur deutschen Poesie, die Gemälde der j ü -

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