Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 6 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 6. 87 Dass man von der materiellen Kultur eines zerstreuten Volkes nicht sprechen kann, ist ohne weiteres klar. Die Güterproduktion einzelner ihm angehörender Kinder, welche unter den heterogensten, von ihrem Volkstum ganz unabhängigen Bedingungen geschieht, als die materielle Kultur dieses Volkes zusammenzufassen, wäre ein lächerlicher Gewaltsstreich; sie geschieht unter denselben äusseren Verhältnissen, unter denselben Chancen, wie diejenige der Umgebung jener Volksgenossen, teilweise sogar in gemeinschaftlichem "Wirken mit der letzteren, nnd gehört deshalb zur Kultur dieser. Aehnlich klar wie bei der materiellen Kultur, ist die Sachlage bei dem Teil der ideellen Kultur, dessen Schöpfungen weniger durch Eigenart der Gemütssphäre, durch volkliche Besonderheit beeinflusst werden, der Wissenschaft. Die Möglichkeit, von einer nationalen Wissenschaft zu sprechen, ist sicher vorhanden. Ohne Chauvinismus darf ein Volk die grossen Männer der Forschung, welche ihm angehören, mit Stolz als die Seinigen bezeichnen; aber die Möglichkeit, die Summe ihres Forschens, die von ihnen geförderte Wissenschaft mit dem Namen ihres Volkes zu belegen, also z. B. von einer deutschen Wissenschaft zu sprechen, besteht erst bei territorialer Einheit, weiche die Zusammenfassung der wissenschaftlichen Leistungen innerhalb des für sich lebenden Volkes als natürlich gegeben erscheinen lässt und bei staatlicher Gemeinschaft, welcher die Wissenschaft Förderung und Erfüllung der Lebensbedingungen durch Schaffung der Forschungsmöglichkeit verdankt. — Ebenso wie man also nicht von einer jüdischen Wissenschaft sprechen kann, muss man die Ergebnisse der Forschungen jüdischer Gelehrter zur Wissenschaft des Volkes zählen, in welchem sie durch ihre staatsbürgerliche Zugehörigkeit die Bedingungen und Mittel zur Betätigung erhielten oder in welchem wenigstens ihr Wirken zuerst bekannt wurde. Mit der eigentlichen ideellen Kultur, sollte man denken, müsse es sich hingegen anders verhalten; sie wird ja bestimmt durch die Eigenart des Volkes; es muss also Erkennungszeichen geben, durch welche die ideelle Produktion eines Volkes auch in der Zerstreuung deutlich als dessen Eigentum, als sein Kultur^ erzeugnis gestempelt wird! — Wenn wir von der ideellen Kultur sprechen, so handelt es sich, nachdem wir die Wissenschaft für unsere Betrachtung als zwischen ideeller und materieller Kultur