Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 6 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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86 No. 6. erprobten Zusammenschlusses durch das Gesetz und der Erwerbung von Territorium und Souveränität. In der durch politisches Unglück vielfach unterbrochenen Zeit grösserer oder geringerer Selbständigkeit pulsiert das Leben der jüdischen J£ultur, deren höchste Schöpfungen auf dem Gebiete der ideellen Kultur, hier wiederum in erster Linie in der ethischen Kultur liegen. Mit dem Eintritt der Diaspora hört nicht nur die staatliche, sondern auch die örtliche Vereinigung der Juden auf, und trotzdem — ein einzigartiges Beispiel in der Weltgeschichte — bewahren sie nicht nur ihre Stammes-, sondern ihr Volkseinheit. Kein abgesprengtes Stück wurde von besonderen materiellen oder ideellen Interessen so eingenommen, dass es dadurch zur Bildung einer neuen volklichen Individualität gekommen wäre,*) geschweige denn zum Aufgehen in einem anderen Volke. Die gewaltige volkserhaltende Kraft war nunmehr für die Juden ihre Beligion, welche als ihr ISTationalgut dadurch geschützt wurde, dass an ihr Bekenntniss die Ausübung eines umfangreichen Zeremoniells geknüpft war. Und dazu gesellte sich als mächtiger Faktor die geschichtliche Erinnerung, die von Einheit in Glück und Unglück, von Grösse in Ereude und Schmerz in der Vergangenheit erzählte und mit Hoffnungsfreude von Einheit und Grösse in der besseren Zukunft träumen liess. Dieses Geschichtsbewusstsein wurde dem Gemüte des Volkes durch die innige Verbindung mit dem religiösen Gefühle um so tiefer eingeprägt, aber auch ohne diese Verbindung besteht es — in unseren Tagen — mit unverminderter, höchstens noch deutlicherer, tatenheischender Kraft als mächtigstes Einigungsmittel fort. So hat also das jüdische Volk in der Diaspora sein Volkstum in voller Integrität erhalten; so ist es wohl das einzige, welches die Frage anregt, ob ein zerstreutes Volk eine eigene lebendige Kultur haben könne. Ich beantworte die Erage mit: nein. Oder besser: Wir können bei einem zerstreuten Volk nicht von einer eigenen Kultur sprechen; wenn auch territoriale Einheit nicht zur Definition des Begriffes der Volkskultur gebraucht wird, so ist sie doch nötig, um diese in Erscheinung treten zu lassen. Und das gilt nicht nur für die Kultur im allgemeinen^ sondern für jeden ihrer Teile. — *) Eine derartige Bildung differenter Volksgruppen, hätte unter Wahrung der Stammeseinheit geschehen können.