Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 6 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 6. 85 lieh in der ideellen Kultur ausspricht. Man glaubt zwar auch die materielle Kultur der Völker durch angeborene Vorliebe und Fähigkeiten zu erklären; doch spielen hier wohl mehr die äussern Verhältnisse eine entscheidende Rolle. Würden die angeborenen Anlagen wesentlich bestimmend sein, so könnte nicht aus einem Nomadenstamm ein Ackerbauvolk, aus diesem wiederum ein Handelsvolk entstehen. Für die Schöpfungen der Kunst dagegen, die Denkweise der Geisteswissenschaften, die Besonderheiten der ethischen Anschauungen wirken bestimmend die Imponderabilien, welche die Geburt dem Menschen mitgiebt und die ihre "Wurzel in der Rasse haben; in der ideellen Kultur also liegt der Schwerpunkt volklicher Eigenart. Vielleicht ist es dadurch zu erklären, dass das junge, nicht aus einer rasseneinheitlichen Gruppe hervorgegangene Volk der Amerikaner, bis jetzt an ideeller Kultur so gut wie nichts hervorgebracht hat. Ueber die Frage, wie weit eigene Kultur bei einem Volke ohne territoriale und staatliche Einheit möglich ist, resp. ob man überhaupt von der Kultur eines solchen Volkes sprechen kann, werde ich im Eolgenden behandeln, wo ich von den Juden speziell spreche; sie sind ja das einzige Volk, durch dessen landlose Existenz diese Frage aufgeworfen wird. Die Anwendung des bisher Gesagten auf die Juden ergiebt sich schnell und von selbst; wir können uns daher kurz fassen: Das Volk der Juden, eines der ältesten, die auf der Erde leben, ist hervorgegangen aus der Sippe Jakobs, die nach Egypten einwanderte, das erste Band der Einigung war also für die Väter dieses Volkes die Familientradition. "Wesentlich gefestigt wurde dies höchstwahrscheinlich durch die schon im Aeusseren manifest werdende Verschiedenheit der Rasse mit den Einwohnern und Herren des Landes.*) Dazu kam noch das gemeinsame Leiden, das die Israeliten sozusagen an der Schwelle des Volkstums bereits als landfremde Gemeinschaft zu dulden hatten; nnd so stehen sie nach wenigen Jahrhunderten als das Volk da, dessen Trieb nach Freiheit seinen grossen Vertreter und Erf üller findet. — Dann folgt die grosse Zeit des durch Jahrtausende *) Bekannt sind ja die Darstellungen von Joden auf alten ägyptischen Denkmälern, welche sich von den ägyptischen Physiognomien nicht unerheblich unterscheiden durch dieselben Merkmale, die auch heute noch der jüdische Typus aufweist. (Anm. d. Verf.)