Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 5 (August 1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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So. 5. 71. Katechismus der Judenfrage. 5. Auf welcher Grundlage kann man eine Zukunft des Judentums aufbauen?) Wenn wir zugeben müssen, dass das Judentum existenzfähig ist, wenn, wir nicht zweifeln dürfen, dass man mit allen Kräften an der Erhaltung des Judentums arbeiten soll, so können wir doch , nicht der Frage aus dem Wege gehen, wie wir das Judentum auffassen sollen, wenn wir für seine Existenz etwas erreichen wollen. Wir werden uns die Zukunft des Judentums ganz veischieden wünschen, je nachdem wir das Wesen des Judentums betrachten. Wenn wir in den Juden nur eine zufällig zusammengewürfelte Masse von Menschen sehen, so werden wir nur an die Zukunft der Einzelindividuen zu denken haben. Wenn das Judentum eine Religion ist, so werden wir naturgeim;ss die Zukunft dieser Religion auf dem Gebiete transzendentalen Denkens und mystischen Fühlens, auf der Fortentwicklung und Wahrung überkommener metaphysischer und ethischer Ideen suchen. Wenn wir aber in den Juden eine nationale Gemeinschaft erblicken, bei der das religiöse Moment zwar von aliergrösster Bedeutung, aber doch nur eine einzelne Aeusserung der Volksseele unter vielen ist, so werden wir dem Judentum, als der Kultur dieser Stammesgemeinschaft, eine weit grössere Auffassung als eine rein religiöse zuteil werden lassen. Wir würden dann die Zukunft des Judentums als eine wesentl.c'i kulturelle zu gestalten haben. Die Frage ergiebt sich daher mit zwingender Noi wendigkeit, ob die Juden eine Religionsgemeinschaft oder eine Nation d;1 rslellen. Diese Frage müssen wir daher zuvörderst in genaue Erwägum»' zielten. 6. Sind die Juden eine Religionsgemeinschaft? Zum Begriffe der Keliüionsgeir.einschaft gehört vor allem der der Rebgion. t'nter dieser verstehen wir aber einen Komplex von ethischen fdeen. der in sich geschlossen zwar entwicklungsfähig, aber nicht unbegrenzt ist. Das System dieser ethischen Ideen beruht auf metaphysischen Voraussetzungen, d.e an sich als gegeben angenommen werden. Diese Voraussetzungen sind nicht diskutierbar, weil als „Offenbarung" und dgl. gegeben. So ist das Christentum eine Religion, weil es seine ethischen Lehren auf dem Dogma der Dreieinigkeit aufbaut, der Islam gehört hierhin, weil er auf der Lehre von dem einen Gott und der Prophetenschaft Muhammeds seine fdeen und Lehren aufbaut. Wenn das Judentum den Glanben an einen einzigen Gott als Voraussetzung seiner ethischen Lehrgedanken unwiderruflich postulierte, so dass der Li ugner dieses Gotlesgedankens aufhörte," Jude zu sein, so könnte man im Judentum eine Religion und in der Judenheit eine Religionsgemeinschaft erblicken. Nun lehrt aber die religiöse Autorität des Judentums, der Talmud, dass nicht der Glaube an den einen Gott, überhaupt nicht der Glaube, sondern lediglich die Geburt von jüdischen Kitern für die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke von Bedeutung sei. Also die religiöse Autorität des Judentums sieht dieses selbst nicht als Religion an. Vielmehr sagt der Talmud, dass der Jude zwar als sündhaft aber stets als Jude zu betrachten sei, und dass jeder Jude, ohne Lnterschied der Ueberzeugung, teil habe an der zukünftigen Welt, d. h. an der messianischen Zukunft des jüdischen Volkes.