Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 5 (August 1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68. No. 5. jüdische Volk als Träger seines biblischen Eigenwertes durchaus existenzberechtigt. Darauf giebt es nur eine Antwort: Die Tatsache allein, dass man heute bei Erwähnung der Bibel nie an ihr Schöpfervolk denkt, ist der beste Beweis dafür, dass sie in die Schatzkammer der Zivilisation gehört, und das ist doch wohl die höchste Anerkennung, die es geben kann. "Wir wiederholen es: Die Existenzberechtigung des jüdischen Volkes resultiert für uns einzig und allein aas unserer Ueberzeugung, dass heute noch kulturelle Kraft in ihm lebt. Diese Kraft aber liegt in Banden, in den Banden der Heimatlosigkeit, des sozialen Elends. Der Befreiung dieser Kraft aus diesen Banden dient die Bewegung, welche wir Zionismus nennen. Der Zionismus hat also nach dieser Auffassung ein doppeltes Gesicht. Einerseits weist er auf ein praktisches, mit materiellen Mitteln anzustrebendes Ziel, andererseits dokumentiert er im Volke den Idealismus, d. h. den Nationalismus, den Willen zur Kultur. Das praktische Ziel wäre kaum wert, angestrebt zu werden, wenn nicht der grosse Zweckgedanke dabei wäre, ebenso wie es wertlos wäre, ein Fundament zu mauern, ohne die Absicht, darauf zu bauen. Deshalb sagen wir, indem wir für einen Augenblick im Zionismus nur die praktische Seite betonen: Kein Zionismus ohne Nationalismus, aber auch kein Nationalismus — heute — ohne Zionismus. An dieser Tatsache scheitern auch die entsprechenden Gedanken des sogenannten Kulturzionismus. Die Kulturzionisten sagen: Wir sehen in dem jungen Kulturwillen (Nationalismus) des jüdischen Volkes eine selbständige Energie. Wo Wille zur Kultur ist, muss auch Kultur möglich sein. Versuchen wir, schon heute Kulturwerte zu schaffen! — Wir hingegen sagen: Unser Nationalismus ist noch nicht selbständige Energie. Er ist heute ein Wille ohne Erfüllung. Er kam mit der praktischen Bewegung, ist innig mit ihr verwachsen und dient ihr als treibende Kraft. Erst mit der Erreichung des praktischen Zieles wird aus der treibenden Kraft eine sich selbst antreibende, wird aus dem Kultlirwillen eine Kulturarbeit werden. Hoffen wir, dass dies bald eintreten wird.