Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. Der A.J.V. in Strassburg und der dort zu gründende V.J.St. An der Strassburger Universität ist es schon zu wiederholten Malen zur Gründung jüdischer Verbindungen gekommen. Alle scheiterten jedoch an dem leider so ausgeprägten jüdischen „Individualismus". Es standen sich alle nur denkbaren Gegensätze gegenüber, Assimilanten und Zionisten, Verbindungsstudenten und Finken, Elsässer und Altdeutsche. — Dadurch, dass die Verbindungen resp. Vereine alle diese Elemente in sich aufnahmen, ohne sie zu einer bestimmten Tendenz anzuhalten, war ihr Bestehen natürlich ein Ding der Unmöglichkeit. Die Zustände, die dort herrschten, verdienten tatsächlich niedriger gehangt zu werden, da sie besonders eklatant zeigen, wie nötig die Erziehung des jüdischen Studenten ist, wenn er nachher im öffentlichen Leben eine erspriessliche Rolle spielen soll. Ein charakteristisches Beispiel sei hier angeführt: In einem dieser verflossenen Vereine wurde von einem biederen Jüngling die Ritualmordfrage angeregt. Man sollte es nicht für möglich halten, allein er hielt es nicht für ausgeschlossen, dass es jüdische Sekten gäbe, die dem Ritualmord huldigten. Er hatte eben seine ganzen Kenntnisse vom Judentum, wie so viele Juden, lediglich aus den antisemitischen Zeitungen geschöpft. Diesem Herrn wurde selbstverständlich die gebührende derbe Lektion auf eine besonders hervorragende Körperstelle gegeben. Der Verein aber wurde wieder einmal gesprengt. Die Sache kam vor Rektor und Senat, und das Judentum war um eine Blamage reichei. So waren die Verhältnisse, als im vorigen Jahre einige A.H.A.H. jüdischer Verbände nach Strassburg kamen. Mit diesen Herren, welche durch die Gründung eines zionistischen Vereins schnell bekannt wurden, traten nun die besseren und willigen Elemente der jüdischen Studentenschaft in Verbindung, um gemeinschaftlich an die Gründung eines jüdischen Studentenvereins mit ausgesprochen nationalen Grundsätzen heranzugehen. Einige zwanzig Herren erschienen zur konstituierenden Versammlung, welche einen durchaus würdigen Verlauf nahm. Alle waren im Prinzip damit einverstanden, dass es erforderlich sei, das jüdische Bewusstsein unter den jüdischen Studenten zu heben. Gegensätze traten bei der Versammlung nur bei der Verhandlung der Satisfaktionsfrage zu Tage. Schliesslich einigte man sich dahin, dass den Angehörigen des neugegründeten „Akademisch Jüdischen Vereins" (A.J.V.) die Satisfaktionsfrage überlassen bleibt. In Beleidigungsfällen jedoch mit antisemitischer Spitze muss unbedingte Satisfaktion gegeben werden. An der konstituierenden Versammlung nahm der Unterzeichnete teil und 'gab sich dabei die redlichste Mühe, nicht nur unserem Tendenzparagrapehn, sondern auch unserem Namen zur Annahme zu verhelfen. Dies gelang ihm jedoch nicht, weil von gewisser Seite gegen den V.J.St. Stimmung gemacht worden war. Es soll noch erwähnt werden, dass der Rektor der Universität, Geheimrat Prof. Spitter, die Notwendigkeit eines jüdischen Vereins anerkannte und betonte, dass die Tendenzen des Vereins gesunde und erstrebenswerte seien. Das Verbindungsleben gestaltete sich im vorigen Semester zu einem äusserst regen. Auf den sehr zahlreichen Konventen wurden prinzipielle Fragen aller Art erörtert, und Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur gehalten.