Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58. No. 4. zweifeln, ob das Judentum noch fortexistieren könne. Es hiesse einen grossen Teii unserer Materialsammlung vorweg zu nehmen, wenn wir jetzt die antisemitischen Vorwürfe widerlegen wollten. Es möge hier genügen, zu konstatieren, dass die Judenheit in keinem Lande, in dem sie lebt, hinter der umgebenden Bevölkerung an produktiv leistender Kultur zurückbleibt. Jedes Kulturelement findet im heutigen Judentume genügend Nährboden. Der Jude in Deutschland hat in dem verflossenen neunzehnten Jahrhundert bewiesen, dass nur ein Strahl der Freiheit genügte, um seinerseits allen Schmutz der Unfreiheit abzuschütteln, den die Jahrhunderte ingrimmigster Verfolgung über ihm angesammelt hatten. Dasselbe gilt von den meisten Juden westeuropäischer Länder in mehr oder minder starkem Masse. In Amerika gehört das Judentum zu den kulturellsten und aufstrebendsten Elementen. In den Ländern des ehemaligen Königsreichs Polen, wo die Juden von den verschiedenen Regierungen und von der polnischen Bevölkerung in gleicher Weise sozial schwer bedrängt werden, gehört das Iudentum nicht zu den rückständigen Bevölkerungsklassen. Es ist charakteristisch, dass die Juden im Gegensatze zu der umwohnenden Bevölkerung sich allmählich aus dem Bann einer nach Klerikalismus ausgehenden Verfassung losreissen und eine neue geistige Blüte hervorbringen, deren Regsamkeit die Riesenerfolge der deutschen Juden in den ersten zwei Dritteln des vergangenen Jahrhunderts beinahe hinter sich lassen werden. Dass sie auch früher nicht wie die grosse Masse der Russen und Polen zu den Analphabeten gehörten, ist dabei nicht nötig, hervorzuheben. In Rumänien, das sich eben anschickt, dem Judentum den Garaus machen zu wollen, indem man den Hungertod von Hunderttausenden unter dem Schlagwort der „liberalen Regierung" dekretiert, hat die Feindschaft gegen das Judentum ausser den üblichen religiösen und rassenhaften Gründen, vor allem die Ursache, dass der zur Faulheit neigende Rumäne, den fleissigen jüdischen Arbeiter beneidet, und dass die rumänische Regierung eben die kulturelle Ueberlegenheit der Juden zum Ausgangspunkte ihrer Angriffe macht. Ueberhaupt giebt es wohl Länder, in denen die Juden infolge der Jahrhunderte langen ununterbrochenen Verfolgungen einen Teil ihres frohen Mutes eingebüsst haben, aber kein Land, in dem sie ihrer Umgebung an Kulturwerten und Kulturkräften minderwertig gegenüberstehen. Wenn heute zufällig alle Juden aller Länder sich an einem Orte geeint zusammenfänden , so würden zwar die augenblicklichen Verschiedenheiten zu grosse sein, um sofort ein gesundes Kulturleben zu bedingen, aber es wäre ein so gebildetes und gesundes Volk beisammen, wie nur irgend in einemWinkel derErde. Die Zahl der Analphabeten würde im Prozentsatze sicher nicht grösser sein, als bei den Dänen, die bekanntlich die allerbeste Volksschule ihr eigen nennen. Das Einzige, was vielleicht die Juden im Vergleiche mit andern Nationen schwächer erscheinen lässt ist die überall beobachtete geringere Fortpflanzungsfähigkeit der Juden im Vergleiche mit den sie umgebenden Stämmen, die freilich durch die grössere Fürsorge, wieder aufgewogen wird, welche die Juden ihren Kindern zuwenden. Jedenfalls ist diese geringere natürliche Vermehrung kein Grund, ihnen die Lebenskraft abstreiten zu wollen. Sie haben nicht nur das Recht und die Pflicht, sondern auch die unbedingte Möglichkeit als Gesammtheit fortzuexistieren.