Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. 57. hebräischen Stammes. Es ist darum gar nicht nötig zu zeigen, welche hervorragende Poesie, welche grossen Philosophen und Denker das Judentum hervorgebracht hat, um zu begreifen, dass es in hervorragender Weise von Wert für die Menschheit gewesen ist, und dass seine Begabung so sehr auf anderem Gebiete liegt als die der anderen Nationen, dass es wohl wert ist, seine Eigenart der Menschheit zu erhalten. Ferner muss man in Betracht ziehen, dass zu allen Zeiten, wo die Juden sogar an der freien Entfaltung ihrer Gaben behindert waren, sie zwar keine Bibel mehr der Menschheit geschenkt haben, dass sie aber immer in hervorragender Weise an der allgemeinen Kultur, von der man sie ausschliessen wollte, tätigen und produktiven Anteil nahmen. Wenn man ferner bedenkt, dass die Juden in allen Ländern, in denen sie leben, auf der Kulturstufe stehen, welche das jeweilige Land einnimmt, in vielen Ländern aber bedeutend über ihr, so muss man gestehen, dass sie mehr auf Weiterexistenz als Volk Anspruch erheben können, als so viele andere Nationen, die sich der allgemeinen Sympathie erfreuen, wenn sie ihr armseliges Eigenwesen erhalten oder zum Ausdruck bringen wollen. Das Judentum stellt für die Menschheit eine so eigenartige Individualität dar, dass ihr Untergang einen schweren Verlust für die Menschheit bedeuten würde. Darum darf das Judentum, ohne sich an der Menschheit zu versündigen, sich selbst nicht aufgeben. Es muss der Menschheit einen Kulturfaktor erhalten, der einmal eine Bibel geschaffen hat, dem die abendländische Welt ihre ganze ethische Kultur verdankt, und der noch Grosses für die Gesamtheit zu leisten imstande sein wird, wenn es als Individualität nicht aufhört zu existiren. Um seiner selbst willen, um der Menschheit willen und um der Kultur willen, darf das jüdische Volk nicht in der umgebenden Menschheit spurlos verschwinden wollen. -Das Judentum hat so Grosses geleistet, dass man sich billig von seiner Fortexistenz Grosses versprechen darf und muss. Der Schöpfer der Bibel und der ethischen Kultur darf nicht untergehen! 4. Ist das Judentum noch existenzfähig? Wenn wir auch zugeben müssen, dass das Judentum eine so herrliche Vergangenheit hatte, wie nur irgend ein Volk der Welt, wenn auch seine Kulturleistungen in alter Zeit so grosse waren, dass noch heute ein grosser Teil der gesitteten Welt seine Anschauungen von Sittlichkeit und Humanität auf jüdischen Grundlagen basiert, so ist damit wohl die Existenzberechtigung des Judentums in einer eklatanten Weise bewiesen, aber noch nicht die Möglichkeit einer Existenz in Zukunft gegeben, wenn die jüdische Stammesgemeinschaft jetzt nicht mehr die Kräfte hat, die zu einem Dasein als Gesamtheit unbedingt notwendig sind. Wenn es wahr wäre, was die Feinde der Judenschaft behaupten, dass die jüdische Nation nur den Abschaum der Menschheit darstelle, die kein anderes Interesse habe, als nur das Eigenwohl des einzelnen, unbekümmert um die Mittel, die zu diesem Wohl führen, wenn es wirklich der Wahrheit entspräche-, dass die Juden nur an das; selbstische Wohl und Interesse des einzelnen Juden sich gebunden erachten, und dass das Judentum keinerlei produktive kulturelle Arbeit vollbringen könne, so müsste man billigerweise