Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. 55. läufer für ihr Neues Testament ansehen, nur als solches würdigen, d. h. seine Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit als erwiesen zu statuieren geruhen, die überall entweder zu „gläubig" oder meist zu unfähig sind, um wissenschaftliehe Kritik zu üben, nur beim Studium des Alten Testamentes die Brocken ihrer Gelehrsamkeit an den Mann bringen wollen. Mögen sie — ob es möglich ist, weiss ich nicht — sogar noch mehr schreiben als sie jetzt fabrizieren, sie sind schon zu berüchtigt, als dass man ihnen noch glaubte. Anders die Assyriologen f Sie geniessen, und wohl zumeist nicht mit Unrecht, den Ruf als gelehrte und tüchtige Forscher, aber gerade deswegen sind ihre Angriffe noch gefährlicher, zumal man hinter ihre Schliche schwerer kommen kann. Es klingt sehr überzeugend, wenn sie an der Hand von allerhand Inschriften nachweisen, Kanaan sei die „Domäne der babylonischen Kultur" gewesen, die Erzählungen von der Weltschöpfung, vom Sündenfall und der Flut stammen aus dem Euphratlande, wenn sie zeigen, dass Teile der 10 Gebote und der sozialen Vorschriften der Bibel und der Sabbattag schon bei dem Babyioniern sich finden. Ja, Delitzsch behauptet sogar trotz Nebo, Bei Ramman, Istar, Marduk, und wie die Götter alle heissen, dass bei ihnen schon 2250 v. Chr. Ansätze zum Monotheismus geherrscht hätten, der später ganz klar hervortrete. Er bedient sich zum Beweise einer Inschrift, die Hugo Winckter (-Berlin) bereits vor einem Jahre richtig als astronomische Tafel harmlosesten Charakters erkannt hat, die bei sachlicher Interpretation auch nicht den mindesten Raum für obige Hypothese giebt. Ebenso leer wie diese sind die meisten, geschichtlich klingenden Behauptungen. Man stellt Israel nur noch als Mittelmann hin, der das Beste von überall her sich zusammengeholt und als eigenes Fabrikat weitergegeben hat. Abgeschlossen allerdings von aller Welt haben sich die Juden n i e, wie überhaupt kein Volk, — nicht einmal die Inder und Chinesen. Auch die Juden haben von ihrer Umgebung stets angenommen, was ihnen gut dünkte. Wenn sie selbst nichts Neues geschaffen hätten, würde es für ihren Ruhm schon genügend sein, dass sie das Vorhandene judaisiert und das Wertvolle herausgesucht haben. Denn in ihrem Rohzustande hätten jene grossen Ideen nie auf die Menschheit eingewirkt. Aber die Juden haben doch mehr getan und geleistet. Werden die Juden fortfahren, in der Wissenschaft und in der pädagogischen Verarbeitung des Stoffes nur rezeptiv, aber nicht produktiv zu seim, so wird die ganze jüdische Wissenschaft und alles, was darum liegt, bald ganz von den Christen belagert sein und wir werden zu ihnen in die Lehre gehen müssen. Die alte Geschichte der Juden und des Orients ist besonders des Studiums wert. Damals gab es noch ein geordnetes jüdisches Gemeinwesen, damals existierte noch als Volkssprache das Hebräische, die göttliche Sprache nach der Ansicht unserer Lehrer, damals gab es noch eine aktive Geschichte der Juden und noch nicht die klägliche passive der späteren Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag, kurz damals gab es noch einen jüdisch-nationalen Staat, Pflicht eines jeden Juden ist es, sich in das Stadium dieser Zeit zu vertiefen. Gotthold W.