Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. liess, das uns im grossen und ganzen erhalten ist. Wir vernehmen ferner von den Rüstungen, dem Verlaufe und dem Ausgang der Kriegszüge von Sanherib, Meiodacb Baladan und Sargon, die gegen Israel sich wandten. Da wir beide Parteien hören, sind wir imstande, ein genaueres Geschichtsbild zu konstruieren. Die von den Amerikanern in Nippur gefundenen Akten des grossen Handelsgeschäftes Muraschu u. Co. aus der Zeit des Königs Artaxerxes (ca. 450 v. Chr.) sprechen unter anderem von Nathanael, Haggai, Benjamin u. a. m., also Juden, die trotz des Freibriefes des Kyros doch nicht in ihr Heimatland aus dem Exil zurückgekehrt waren. Die Kunstwerke und monumentalen Paläste, die Burgen der alten Könige, überzeugen uns von der Pracht und Herrlichkeit, welche uns bisher nur aus den Quellen bekannt wär. Unter den vielen Reliefdarstellungen hat sich auch das Bild eines Judäers aus Lakisch und eines Israeliten aus der Zeit Jehus erhalten, ferner Darstellungen der Art und Weise des Angriffs, der Ordnung der Soldaten und endlich der häufigsten Beschäftigungsarten des täglichen Lebens. Nicht unerwähnt bleibe die Bedeutung der assyrisch-babylonischen Kontrakttafeln und Rechtskodifikationen für das Verständnis des talmudischen Rechts, das seit den Tagen des Exils ein ganzes Jahrtausend hindurch (ungefähr von 500 vor bis 500 nach Chr.) fast ausschliesslich in Babylonien sich entwickelt und neben vielen Einzelheiten auch manche leitende, damals herrschende Idee aus seiner Umgebung angenommen hat. Diesen Tatsachen gegenüber wird niemand leugnen wollen, in wie hohem Masse die assyrisch-babylonischen Keilschriftfunde zur Aufhellung und Richtigstellung der jüdischen Quellenschriften beigetragen haben und hoffentlich noch mehr beitragen werden. Den Wert und die Bedeutung dieser neuen Funde stellt niemand in Abrede, ausser jenen Buchstabengläubigen, die den Begriff der geschichtlichen Entwicklung und des historischen Werdens auf die Bibel zu übertragen sich nicht getrauen. Jeder andere wird mit Freuden aus den neuen Quellen schöpfen. Der Jude sollte sich nicht als letzter bei dieser Arbeit einfinden. Diese neu erschlossene assyrisch-babylonische Litteratur wird also jedermann nur freudig begrüssen. Unzufrieden aber muss jeder ehrliche Forscher, vor allem der Jude, darüber sein, in wie tendenziöser Art und Weise die Assyriologen ihre Quellen deuteln und auslegen. Hierniit kommen wir zu dem zweiten Punkte, den die Delitzschsche Broschüre „Babel und Bibel" hervorhebt, dass nämlich die Israeliten fast alles kulturell Wertvolle von Babylonien übernommen hätten. Jeder Forscher muss um der Wahrheit willen hiergegen protestieren, der Jude speziell, weil man es wissentlich darauf absieht, nicht nur im praktischen Leben, sondern auch allenthalben in der Wissenschaft die Schöpfungen und Taten seiner Väter zu verkleinern und die Bedeutung seines Volkes zu schmälern. Tritt man dagegen auf, überführt man an der Hand der Geschichte jene Herren des Gegenteils, so erfüllt man damit eine grosse Aufgabe. Man verwechsele diese Tätigkeit keineswegs mit der gewöhnlichen jüdischen Apologetik, die von bestimmten dogmatischen, historisch unbeweisbaren Voraussetzungen ausgeht und um abstrakte Ideen kämpft, unbekümmert um die historische Wahrheit. Unsere Arbeit ist ein wissenschaftliches Werk auf fester Basis, dem es nur um die Wahrheit, nicht um einen Glorienschein zu tun ist. Die Assyriologen sind wegen jener wissenschaftlichen Attacken zumeist ebenso für das Judentum gefährlich wie die christlichen Theologen, die das Alte Testament nur als Vor-