Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. 53. leuten bereits anerkannte und feststehende Tatsachen dem grösseren Publikum zugänglich macht. Einige von diesen seien erwähnt. Schon in grauer Vorzeit, 4000 Jahre v. Chr. hat im Euphrat- und Tigrislande eine sehr hohe Kultur geherrscht; die Träger derselben waren die Sumerer, ein nicht .semitisches Volk, das, wenigstens der Sprache nach, mit den Türkvölkern Zentralasiens verwandt sein mag. Denkmäler aus dieser Periode sind bis jetzt noch nicht gefunden worden; auch von der Sprache und Geschichte der Sumerer wissen wir so gut wie garnichts, aber ihre eminente Bedeutung geht schon daraus hervor, dass die semitischen Völker, die nach ihnen Herren dieser Gegenden wurden, obwohl sie Sieger waren, doch vollkommen sich der mächtigen sumerischen Kultur anpassen mussten. Die Sumerer sind unter anderem auch die Erfinder der Keilschrift, die Babylonier haben dieselbe erst von ihnen übernommen. Ja, ihre Kultur hat bis auf den heutigen Tag noch tiefgreifende Wirkungen. Wenn wir in der Geometrie den Kreis in 360 Grade einteilen, wenn das Zifferblatt unserer Uhr »zwölf Doppelstunden zeigt, wenn eine Stunde in 60 Minuten, eine Minute in 60 Sekunden geteilt wird, so sind das alles nur Reste des Sexagesimalsystems der Sumerer im Gegensatz zu unserem Dezimalsystem. Die ersten geschichtlichen babylonischen Inschriften datieren aus den Jahren 3500 bis 3000, aus der Zeit der grossen Könige Babylons?, von denen Sargon der bedeutendste ist; von ihm erzählt man auf Inschriftentafeln den bekannten Moses-Kyros-Romulus-Mythus. Von dieser ältesten Periode indessen berichtet Delitzsch in seinem Vortrage nichts, er schweigt fast vollkommen über die Zeit von 3000 an bis ungefähr 800 v. Chr., wo die biblischen Berichte einsetzen, und^ zwar aus einem Grunde, auf den allein wir eingehen wollen. Derselbe ist schon aus der Aufschrift des Vortrages ersichtlich. Durch den sensationellen Titel Babel und Bibel soll zweierlei gesagt werden, erstens, dass die in der Bibel erzählten Ereignisse erst durch die Keilschriftfunde vollkommen verstanden werden können, und zweitens, dass die Israeliten, die Schöpfer der Bibel, nichts wesentlich neues gebracht, sondern fast alles von ihren Nachbarn, den Assyrern und Babyloniern, entlehnt hätten. Dem ersten Punkt wird man ohne weiteres zustimmen. Die Beweise dafür sind sonnenklar. Das Assyrische hat sich als die mit dem Hebräischen am nächsten verwandte semitische Sprache gezeigt, und als solche ist sie für das grammatikalische Verständnis des Hebräischen von grosser Bedeutung, ebenso wie für die historische Erkenntnis. Hatten wir bisher in der Bibel häufig nur verschwommene und von Priestern arg entstellte Berichte über gewisse historische Ereignisse, oder nur noch einzelne Sagen und Mythen, die an sie erinnern sollten, so ist durch die neuen Funde über viele Dinge reichliches Licht verbreitet worden. Da in den assyrisch-babylonischen Quellen die politischen Verhältnisse genauer dargelegt Werden, lernen wir die geschichtlichen Ereignisse als in ihrer Zeit notwendig erkennen, und die Bedeutung bestimmter Persönlichkeiten für ihre Umgebung tritt klarer hervor. Wir wissen jetzt sogar Bestimmtes über den Zeitgenossen Abrahams, den König Hammurabi, den Amrafel der Bibel, der 2250 v. Chr. nach Besiegung des Erbfeindes von Babylon, der östlich wohnenden Elamiter, einen grossen Einheitsstaat des nördlichen und südlichen Teiles des Landes errichtet hatte und als erster das babylonische bürgerliche Recht fixieren