Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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aulrieben, ja sogar durch die damals bei den Eroberern beliebte Art der Deportation des ganzen besiegten Volkes dem Nordreiche die Existenz rau>ten. Ein gleiches Schicksal erfuhr später von ihnen auch Juda, und es wäre vielleicht ebenso wie sein Bruderreich im Exile zu Grunde gegangen, wenn nicht bald das stolze Babylon selbst durch die. Hand der Perser in den Staub gesunken wäre. Diese Verhältnisse könnten, uns Juden eigentlich gerade nicht veranlassen, heute jenen Ländern an den Ufern des Euphrat und Tigris liebevolles Interesse entgegenzubringen. Allein Politik und Wissenschaft sind zwei verschiedene Dinge. Diese darf mit derartigen Gefühlsmomenten nicht rechnen. Sie schreitet über das subjektive Empfinden der Einzelnen hinweg. Es wäre chauvinistisch, wollte ein Jude aus Hass gegen die Unterdrücker seiner Väter auch das Studium ihrer Geschichte von der Hand weisen, zumal es für seine eigene Geschichte von ungeahnter Bedeutung ist. In wenig mehr als einem Monat wird die Assyriologie ihren hundertsten Geburtstag feiern. Am 4. September 1802 trug Grotefend in der Akademie zu Göttingen seine ersten Keil Schriftentzifferungen vor. Es war ihm gelungen, in einer persischen zweisprachigen Inschrift mehrere Königsnamen zu erkennen und zu lesen. Gestützt und ermutigt durch diese Entdeckung widmeten sich zahlreiche Gelehrte der unendlichen Arbeit, jene toten Inschriften, von den kleinsten auf Tonvasen und Ringen angefangen bis zu den kolossalen an den Königspalästen,, zu entziffern und zu beleben. Unter ihnen sei vor allem der grosse jüdische Forscher Jules Oppert (Paris) genannt, dem, wie hier erwähnt sein möge, das Unglück zustiess, dass sein Schiff, das die bei den Ausgrabungen in Babylons Trümmerhügeln gefundenen, unermesslichen Schätze Paris zuführen sollte, in den Wellen des Tigris versank. Die einzelnen Stadien, in der heute fast völlig zu glücklichem Ende geführten Entzifferung der verschiedenen Keilschriftarten, der altpersischen einerseits, der assyrischen und babylonischen andrerseits, zu verfolgen, wäre hier unangebracht. Das zu bearbeitende Material wächst täglich. Alle Grossmächte Europas und die Vereinigten Staaten veranstalten Ausgrabungen im alten Assyrien und Babylonien. Zu den interessantesten Funden gehören die Tell-El-Amarna Tafeln, ungefähr 300 an der Zahl, die im Winter 1887 von ägyptischen Fellachen zwischen Theben und Memphis, in El-Amarna, der Residenz Amenophis' IV. von Aegypten, gefunden wurden. Sie enthalten die Korrespondenz assyrischer und mesopotamischer Könige sowie ägyptischer Statthalter aus Tyros, Sidon, Akko und anderen Ortschaften an den ägyptischen Herrscher. Das Berliner Museum besitzt den Brief des Gouverneurs von Jerusalem an Amenophis, der noch vor der Besitznahme des Landes durch die Israeliten (ca. 1500 v. Chr.) geschrieben wurde. Heute ist die Assyriologie nun bereits so weit, dass sie Kulturgeschichte populär verzapfen kann. Friedrich Delitzsch, der Direktor der Deutschen Vorderasiatischen Gesellschaft, die in den Ostertagen 1899 ihre Ausgrabungen im alten Babylon 'dem heutigen Dorfe Hillah) begonnen hat, hat im Januar dieses Jahres einen Vortrag gehalten, der jüngst unter der Aufschrift „Babel und Biber' im Druck erschienen ist. Einer Besprechung dieser Broschüre sollte dieser kurze Artikel eigentlich gewidmet sein, eine solche ist indessen unmöglich, da eine Besprechung nur bei einem Werke vorgenommen werden kann, das etwas neues bietet, nicht aber bei einem solchen, das einzelne, von allen Fach-