Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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46. No. 3. — Am Samstag, dem 10. Mai beging der V. J. St. München sein 2. Stiftungsfest, Die Festgabe war eine mit künstlerischen Zeichnungen ausgestattete Festzeitung, deren ernster Inhalt Erwähnung verdient, weil er das Bestreben zeigte jüdisches Empfinden der Oeffentliehkeit zu vermitteln. Nach der Eröffnung mit dem üblichen Salamander auf Kaiser und Prinz-Regent legte der 1. Chargierte Schweizer in kurzen Worten die Tendenz des Vereins dar. Sodann brachte Herr stud. med. S, Ziegler die Rapsodie hebraique von Lewandowsky zu Gehör, die, abgesehen von den alten jüdischen Weisen, arm an Melodien war. In der folgenden Festrede erörterte Bbr. Dr. Kahn die Stellung des jüdischen Studenten in der Gegenwart. Yoll froher Erwartung tritt der junge jüdische Student in die Freiheit, um eine starke Enttäuschung zu erleiden. Im akademischen Leben ist die Isolierung des Juden vollständig gelungen. Der junge jüdische Student ist auf sich selbst angewiesen. Da erwächst ihm dann die Aufgabe, den jüdischen Geist zu beleben. Diese Aufgabe steht nicht im Widerspruch mit den staatlichen Pflichten. Der Jude soll kämpfen, um sich so die Achtung der anderen Völker zu erringen. Wir schliessen uns dadurch nicht ab, unsere Vaterlandsliebe wird nicht gestört, eben so wenig wie das Wirken des Akademikers für sein Judentum der Humanität entgegensteht. Es ist die Pflicht des Juden zu kämpfen, und gerade durch diesen Kampf streitet er für die höchsten Güter der Menschheit; ist doch die Geschichte der Juden ein Wahrheitskampf zu nennen. Schon einmal, zu Anfang des 19. Jahrhunderts, fand eine ähnliche Bewegung wie die heutige statt. Die Resultate derselben haben enttäuscht: die Ursache liegt darin, dass die damalige Bewegung andere Voraussetzungen hatte. Damals war die Renaissance der Juden Mittel zum Zweck, heute ist sie Selbstzweck. Und diese Voraussetzung giebt eine sichere Gewähr dafür, dass die Bestrebungen derer, die für die Erhaltung des Judentums arbeiten, erfolgreich sein werden. Lebhafter Beifall dankte dem Festredner für seine interessanten Ausführungen. Nach einigen musikalischen Vorträgen ergriff als Vertreter des jüdischen Studentenverbandes Herr Schapiro das Wort, um seine Uebereinstimmung mit den Zielen des V. J. St. auszusprechen und der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass dem V. J. St. ein langes und ruhmreiches Dasein beschieden sei. Herr Dr. Weinberg im Auftrage des Bundes, Herr Krap als Vertreter des Kadimah und Herr Dr. Peiser als Vertreter der Nicht-Inkorporierten schlössen sich dem Wunsche des Vorredners an. Am Ende des offiziellen Teils hatte Herr Krap die Freundlichkeit, jüdische Volkslieder vorzutragen. Die einfachen, rührenden Weisen, durch die alle ein Hauch der Schwermut weht, übten auf die Anwesenden einen starken, nachhaltigen Einfluss aus und bildeten einen würdigen Abschluss des Abends. Die Fidulität hielt viele Gäste und Bundesbrüder bis spät in die Nacht hinein beim Becher zusammen. V. J. St. Charlottenburg. Arn 15. Mai hielt Vbr. cand. iug. M- Wechsler einen Vortrag über Anat. Leroi Beaulieu. Er wies an der Hand seiner Werke nach, dass sich dieser nur in der Methode von den Antisemiten unterschiede, aber als Arier und Christ weit davon entfernt sei, die Judenfrage vom jüdischen Standpunkte aus lösen zu wollen. — Am 29. Mai hielt Vbr. stud. rer. teeh. L. Fuchs einen Vortrag über „Kulturarbeit der Juden im Mittelalter". Er gab einen interessanten Ueberblick über den Anteil der Juden an der Erhaltung griechischer Wissenschaft. Dem Vortrage folgte eine gemütliche Kneipe,