Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36. No. 3. Aber unsere Väter verstanden nicht nur zu sterben, sie verstanden noch mehr zu leben. Wenn wir einen Eindruck aus ihrer Geschichte mitnehmen, dann ist es der ungeheure Respekt vor der Energie und der Klugheit, mit der sie unter den schwersten Verhältnissen sich behauptet haben. Der Geist, der sie beseelte, tritt uns in den Einrichtungen entgegen, die das Judentum geschaffen hat. Wir lesen nicht nur unsere Geschichte, wir durchleben sie auch, wenn wir in unsere Religion uns versenken. Der Weg, den wir zu gehen haben, wenn wir unser eigenstes Ich entwickeln wollen, ist uns vorgezeichnet. Durch tausend Adern pulsiert in uns jüdisches Leben, wir würden geistigen Selbstmord begehen, wollten wir sie unterbinden. Seit 4000 Jahren hat unsere Religion uns aufrecht und stolz erhalten. Auch heute lassen wir uns diese Stütze nicht nehmen. Mag auch manches darin den Fern erstehenden fremdartig anmuten, wer tiefer eindringt, findet dort einen hohen, starken Geist. Den stärksten Halt nimmt sich, wer vom Judentume sich entfernt; wahrhafte Persönlichkeiten werden wir, wenn wir mit Leib und Seele wieder ganze Juden werden, und den allerhöchsten Dienst erweisen wir unserem Volke, wenn wir jüdisch-religiösen Sinn wieder in ihm verbreiten. Hier bietet sich eine hohe Aufgabe gerade für den jüdischen Akademiker. Unser warten soziale Aufgaben. Auch hier können wir anknüpfen an das, was die alten Juden geleistet haben. Sie hatten schon das, was man im modernsten Jargon „praktisches Christentum * nennt. Wiederbelebung aller dieser Einrichtungen und Schaffnng neuer, wie unsere Zeit sie erfordert, ist unsere Pflicht. Schon dem Studenten bietet sich ein breites Feld für die Mitarbeit in dem Heer der jüdischen Vereine. Wir fordern damit nichts neues. Vor 2000 Jahren schon hat ein alter jüdischer Lehrer es ausgesprochen „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich, und wenn ich nur für mich bin, was bin ich dann?" Auch wir wollen nicht nur an uns denken, wir wollen aber auch nicht in der Sorge für andere unserer selbst vergessen. Wir wollen beides vereinigen. Wir wachsen über uns selbst hinaus, und wir arbeiten zu unserem eigenen Glück und zum Wohle anderer, wenn wir da wirken, wohin wir gehören, auf dem Boden des Judentums.__Dr. Max Eschelbacher.