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Der jüdische Student · 1902-05-01 · Heft 2 (Mai 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 2 (Mai 1902)
Date
1902-05-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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No. 2. nehm ist. Jede auch gegnerische Meinung muss gewissenhaft geprüft, widerlegt, oder wenn das nicht möglich ist, als richtig angenommen werden. Schon aus diesem Gründe müssen wir die Existenz einer Judenfrage zugeben. Ferner aber beobachten wir täglich eine Reihe von Vorgängen sogar in unserer nächsten Nähe, dass wir nicht umhinkönnen, uns mit der Judenfrage, ob wir wollen oder nicht ganz genau zu beschäftigen. Aber ganz abgesehen von der rein theoretischen Frage, ob wir von einer Judenfrage oder von einer Antisemitenfrage reden sollen, drängt sich den Juden selbst das gleiche Problem in anderer Gestalt auf, sobald wir Gelegenheit haben, uns mit den Juden in andern Ländern zu befassen. Von den 9 Millionen Juden Europas wohnen allein 2 3 d. h. 6 Millionen in solchen Ländern, in denen sie politisch und zum Teil überhaupt rechtlos sind. Wenn ausserdem auch in den andern Ländern, wo das glücklichere Drittel der europäischen Juden wohnt, das Wort „Jude" allein genügt, um einen Menschen zu beleidigen, wenn in den Ländern der höchsten Kultur, dessen Volk sich rühmt, das Volk der Denker zu sein, die Blutbeschuldigung gegen Juden kritiklos geglaubt wird, wenn es in Oesterreich unwidersprochen wiederholt geschehen durfte, dass jüdischen Eltern in dem kaum begonnenen zwanzigsten Jahrhundert Kinder zum Zwecke der Taufe geraubt wurden, wenn ähnliche Vorgänge auch in Preussen keineswegs zu den Unmöglichkeiten gehören, wenn es genügt, nur den Gegner als Juden zu brandmarken, um ihn unschädlich zu machen, so muss man gestehen, dass thatsächlich eine Judenfrage existiert. So lange die Juden in irgend welchen Ländern unterdrückt werden, eben weil sie Juden sind, so lange es als ein Schimpf gilt, von einem jüdischen Vater gezeugt, als ein Makel der Geburt, von einer jüdischen Mutter geboren zu sein, so lange ist die Judenfrage nicht gelöst! So lange das treue Festhalten am Judentume mit Zurücksetzung bestraft, der feige Uebertritt mit Ehrenstellen und Aemterri bezahlt wird, so lange existiert die Judenfrage. (Wird tortgesetzt.)

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