Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 30 (1933)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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der Voraussetzungen ihres Wirksamwerdens dauernd zu hintertreiben. Das gilt von allen Normen, durch welche in ausreichendem Maße die Minderheitenrechte geregelt werden. Der Hauptgrund, weshalb sogar deutsche Zionisten im Marranentum verharren, scheint mir mehr auf phsychologischem Gebiet zu liegen. Der Begriff der Minderheit, ursprünglich quantitativ gemeint, hat in der Praxis leider einen stark qualitativen Beigeschmack bekommen. Deswegen haben auch ehrliche und aufrechte deutsche Zionisten Bedenken, sich als Angehörige einer Minderheit im völkerrechtlichen Sinne zu bekennen. Das Gefühl des A t o - bocharbonoismus ist auch bei solchen Juden sehr stark lebendig, die niemals am Jontef beten. Sehr schön kommt das in dem poetisch-gefärbten Bericht über die erste Lausanner Minderheitenkonferenz im Juliheft 1916 des Juden zum Ausdruck, wo berichtet wird, daß auch Ahasver sich unter die Vertreter von 25 unterdrückten Nationen begeben hat. „Wir sind froh, daß nach der großen Lähmung des zweitausendjährigen Fallissements der adlige Bankrotteur seinen unfruchtbaren Stolz bezwungen hat und sich der bürgerlichen Gesellschaft seines neuen Standes anschließt. Noch ist er scheu und befangen, noch schlägt er den Kragen seines Rockes über die Ohren, noch vermag sein aristokratisches Herz sich schwer mit den plebejischen Gewohnheiten seiner neuen Standesgenossen abzufinden. Aber er lebt und hat die Krise seiner Geistesverdüsterung überwunden." Es gehört in der Tat für einen deutschen Juden eine nicht von heute auf morgen erreichbare neue seelische Einstellung dazu, um sich offen als Angehöriger einer nationalen Minderheit zu bekennen, ohne den Versuch, das nun einmal Vorhandene mit dogmatischen oder opportunistischen Gründen ab' zustreiten. Ich weiß dies aus eigener Erfahrung, und man darf ja im J.St. vor Bundesbrüdern auch von sich persönlich sprechen. Deswegen möchte ich Walter Pinner erwidern, daß der Anlaß zu meinem ersten Aufsatz nichts weniger als Furcht für die jüdische Gleichberechtigung oder die Absicht war, der judenfeindlichen Propaganda der Nazis zu begegnen. Was mich zu meiner Einstellung brachte, war die uns ja alle bewegende Frage der Erhaltung des Judentums auch außerhalb Palästinas. Nur zu diesem Zwecke beschäftige ich mich seit fast \y2 Jahrzehnten mit der Frage der deutschen Juden als nationaler Minderheit und habe hierüber erstmalig bereits im Jahre 1920 in der Jüdischen Rundschau geschrieben. Diese von mir geforderte neue Einstellung bedingt aber auch die vollkommene Loslösung von dem Satze „cuius regio eius natio". Es wird dies zwar auch von zionistischer Seite immer wieder gefordert, aber von den Zionisten selbst nicht durchgeführt. Bezeichnend hierfür ist die kürzlich erschienene auch im J.St. besprochene Broschüre von Kollenscher „Aktive und passive Judenpolitik", Der Verfasser verlangt zwar eine kulturelle Autonomie für die deutschen Juden, schreckt aber vor der nationalen Autonomie zurück, ohne allerdings zu verraten, wo die Grenze zwischen beiden liegt. Im Gegensatz hierzu möchte ich auf einen am 31. Dezember 1932 in der Vossischen Zeitung erschienenen Aufsatz von Paul Schiemann hinweisen, dem anerkannten Führer der Auslandsdeutschen, der neben Motzkin eine der markantesten Erscheinungen auf allen Minderheitenkongressen ist. Unter der 40