Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 30 (1933)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdischen Gefühls, so entdeckte Achad Ha am die Grundlinien jüdischer Weltanschauung. Alles Gesunde und Normale, Klare und Reale hat Achad Haam wie Ziegel aneinander gefestigt und das Judentum so in architektonischer Geschlossenheit aufgezeigt. Achad Haam hat sein ganzes Lehen für dieses Konkrete, Sichere und Urjüdische gekämpft. In diesem Kampfe nun gebrauchte er Waffen, Ideen die sich schon teilweise bei Smolensky vorfinden. Aber in welch unerhört klarer Form, welch präzisem Stil, welch straffer Disziplin! Man wird in der Tat in der vor „achadhaamistischen" Literatur vergeblich nach einem gut definierten und genau formulierten Gedanken Umschau halten. Er war es ja schließlich auch, der die halb verträumte Romantik, der „Chowewe-Zion" vor die Kontrolle der Vernunft stellte und im Rahmen von Disziplin zu einer genau konturierten Ideologie erhob. Grammatisch und stilistisch scharf abwägend — verhalf er der Sprache zu einer europäischen Reise. Mendele, Bialik und Achad-Haam auf eine Formel gebracht besagen: gewissentliche Verantwortung für Gedanke und Wort, strengste Zucht und Maximalforderungen an sich selbst, schärfste Beobachtung des Gesetzes der Kongruenz von Inhalt und Form, kurz Verkörperung der strengen Klassik. Mendele, Bialik und Achad-Haam waren es auch, die das Terrain für die oben geschilderte Sprachwandlung bereitet haben. Ja, noch mehr. Der ganze Prozeß ist ihr Verdienst und ihr Werk. Diese strenge Welt des Klassisch-Strengen rief bald eine Reaktion hervor. Man wollte nicht atmen in einem so engen Lebensraum. Man dürstete nach Freiheit und Luft, Perez, Frischmann, Berdischevsky und Tschernichowsky erschienen auf der literarischen Plattform. Sie waren alle revolutionär gesinnt und die ganze „Richtung" trug — dem Klassisch-Strengen gegenüber — oppositionellen Charakter. Die „Schule" war Klassik — die „Richtung" so etwas wie „Neuromantik". Dort war die Grundlage Realität — hier Gesang. In der „Schule" betrat man nur gerade Wege — wie die Vernunft. In der „Richtung" machte man auch Seitensprünge — wie das Gefühl. Man holte aus dem Leben das Persönliche, Intime, Einfach- Volkstümliche wieder heraus und brachte so in die Literatur einen viel leichter jonglierbaren Rhythmus hinein. Von hier aus war der spätere Uebergang zur Natur möglich gemacht. Man wollte einerseits europäisieren und andererseits zum Ursprünglich-Volkstümlichen zurückkehren. Auf dem Wege dahin entdeckte man aber, daß man für das Ursprünglichste aller Ursprünglichkeiten, nämlich für die Natur, die in Europa bereits einen ungeheuren Literaturtempel besaß, bisher nichts übrig hatte. Man kniete sich in diese Gedankenwelt hinein. Klima und Milieu waren gegeben. So ging die Saat auf, und die Idee der Natur wird geboren... Der Drang zur Natur — dieses zweite Charakteristikum der hebräischen Gegenwartsliteratur — ist das geistige Erbe der neuen „Richtung". Unter diesem doppelten Einfluß der „Schule" und der „Richtung" entwickelte sich in der Tat die neuhebräische Literatur. Man nehme, wen man will von unseren jüngsten Schriftstellern — sie sind alle Schüler beider Ten- 38