Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 30 (1933)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537840-3537841--8608-3546672- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Um diese Frage nach dem Doppelcharakteristikum richtig beantworten zu können, muß man in unserer Literatur zurückgehen, einerseits auf die Schule von Mendel ef Bialik und Achad Ha am, andererseits auf die aus *dieser Schule hervorgegangene und später in Opposition zu ihr getretene Richtung von Perez, Frischmann, Berdischewsky und T s c h e rnichowsky, Erstere wird die Sprarchwandlung letzteres die Inlialtswandlung dieser Literatur erklären. IV. Beginnen wir bei der ersteren, bei der Sprachwandlung. Sie ist zweifellos ^das Produkt früherer literarischer Generationen, die ihr den Weg dazu ebneten. Besonders aber war es der Faktor der neuhebräischen Klassik, mit seinen JComponenten Mendele, Bialik und Achad-Haam, der eine sprachlich so schnelle Entwicklung der gegenwärtigen Literatur bewirkt und ermöglicht hat. Der größte Sprachmeister in diesem neuhebräischen Schaffen war M e n - d e 1 e. Er ist nicht nur der Vater der neuhebräischen Prosa, sondern auch unser bestes Sprachgenie. Er besaß einen unerhörten Sinn für Musikalität und ein ungewöhnliches Gehör für Sprachrhythmus. Ein hervorragender Kenner des Jiddischen, drang er tief in diese Sprache ein und entnahm ihr jeden Klang, der nur hebräisch anmutete. Aus längst vergessenen Sprachschichten des Jiddischen holte er letzte hebräische Elemente hervor und entdeckte dabei unendliche Schätze. Bei alledem war er aber unerhört kritisch im Prüfen und Abwägen, wie es eine „strenge Klassik'* fordert. Genau wie Mendele in der Prosa, war Bialik Stilisator in der Poesie. Mit demselben kritischen Sinn für Echtheit grub er in den Schätzen jüdischer Antike und füllte längst verschollene Klänge mit neuer Melodie. Man kann bei Bialik Worte finden, die die ganze Galuth lang so stumm waren wie unser Volk selbst . , . und die bei ihm Renaissance feiern. Alte Formen mit neuem Inhalt. Durch Bialik ist in der Tat eine Brücke geschlagen worden, von unserer alten Agadah über Jehuda Haleri und Salomon Ibn Gabriol zu Luzato, Gordon und der neuhebräischen Literatur überhaupt. Mendele und Bialik bedeuten Renaissance der hebräischen Literatur in Prosa und Poesie. Mit Mendele und Bialik war schon alles da. Auch Versuche zur Formung der Sprache und ihrer Anpassung an das Wort lagen bereits vor. Es fehlte bloß der wissenschaftliche Meister. Das Material war vorrätig — aber es fehlte Kitt. Ja, vielleicht lag es sogar schon geschmolzen vor, aber es fehlte die knetend-formende Hand des Gestalters. Ja noch mehr! Nicht nur sprachliches auch Inhaltliches lag vorbereitet da und wartete auf seinen Konstrukteur. Da kam Achad Haam — vielleicht der beste Geist den wir besaßen. Gewiß hat er vieles — Formales und Stoffliches — von seinen Vorgängern übernommen. Noch nie ist eine Idee plötzlich und kausal-unabhängig im Kopfe eines Individuums geboren worden — aber er war dessen Synthetiker. Achad-Haam war ein Sammler — aber er vermochte die ewige Linie in diesem Gedankengut aufzuzeigen und dem Gesamtbau des Judentums in geschlossener Harmonie zu formieren. Wie Mendele den leisesten Rhythmus der jüdischen Seele, wie Bialik die tiefsten Schätze 37