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Der jüdische Student · 1933-02-01 · Heft 1 (Februar 1933) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
30 (1933)
Issue
Heft 1 (Februar 1933)
Date
1933-02-01
Page
[Seite] (sequence 38)
Language
German
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stimmen würde« Das französische Volk hat wirklich keinen Sinn für Natur — der Franzose sieht die Natur nur durch das Prisma menschlicher,* Kunst — und es wird niemandem einfallen, an der Kultiviertheit dieses Volkes zu zweifeln. Vom Judentum läßt sich dasselbe nicht einmal mit aller Sicherheit sagen. Das antike Judentum hat sich der Natur gar nicht verschlossen. Es sah in ihr bloß keinen Selbstzweck, sondern Ausdruck schöpferisch-göttlicher Allmacht. Aber wie dem auch immer sei — in der G a 1 u t h ist uns jeder Natursinn verloren gegangen. Und es ist das große Verdienst dieser junghebräischen Poesie, unseren Sinn für Weltschönheit wieder geweckt zu haben. Es gab in der hebräischen Literatur noch nie ein« Epoche, die so einstimmig — von Bia 1 ik und Tschernichowsky über Cohen und Sehnejor zu Steinberg und Schemenowitz — eine Naturverherrlichung vornahm. Frühling und Sommer, Herbst und Winter, Meere und Berge, Erde und Gruß und nicht zuletzt die Sehnsucht des Mannes und die Zärtlichkeit der Frau — all dies ist neu entdeckt worden. . . , Aber nicht nur die Poesie. Auch die erzählende Prosa hat ihre „Naturnote". Zwar hat sie sich anders entwickelt als die Poesie und den Sehnsuchtsgesang zur Erde nicht zu ihrem einzigen Sujet erhoben. Dazu war sie auch viel zu realistisch, skeptisch und nüchtern. Dazu war sie noch zu traditionsbeladen, vertiefte sich noch zu sehr in die Uebergangsgeneration, lauschte viel zu wenig der ansteigenden Zukunftsmusik und war daher pessimistischer als die Poesie. (In der neuesten Prosa eines Agnon, Barasch und Steinm a n n sind allerdings schon erfreuliche Rhythmen zu spüren!). Aber der Drang zur Natur, die Sehnsucht nach Feld und Boden, ist auch da unverkennbar. So hat uns also die erste Generation der gegenwärtigen Literatur — sowohl die Poesie als auch die Prosa — ein kostbares Geschenk gemacht: den Naturmenschen. Die Literatur — und zwar auch die Prosa — erzog einen lebensfähigen Menschen, dessen Sinne sie weckte für Welt und Schönheit, dessen Blick sie schärfte für Freude und Schmerz, Wonne und Elend — kurz für die ganze Reichhaltigkeit des Innenlebens — und den sie fähig machte, nicht nur Ideen in sich aufzunehmen, sondern sie im Leben zu verwirklichen. Ein roter Faden zieht sich durch diese junge Literatur. Er heißt: E r d - Verliebtheit, Bodengebundenheit; Naturrelifgion i . . . III. Resümieren wir: zwei Charakteristika der neuhebräischen Literatur der Gegenwart. Ein äußeres: Der Uebergang vom „Buch" zum „Wort", die Springlebendigkeit des Wortes, kurz: die Sprechlebendigkeit. Und ein inneres: Erdgeruch, Bodensehnsucht, Naturtrunkenheit. Hier entsteht die Frage: Woher dies alles? Woher die neue Naturnote? Wie ist dieser plötzliche Uebergang von der „schriftlichen" zur „mündlichen" Sprache zu erklären? Um diesen neuen reichhaltigen Naturinhalt aufzunehmen, mußte die Sprache selbst bereichert, mußte elastischer und natürlicher werden. Woher aber diese Natürlichkeit und Elastizität? Oder — kurz und anders gefragt —: Dank welcher Vorbereitungsarbeit konnte die „Schriftsprache der „Haskalah" auch zu einem instrumentalen Ausdruck sowohl der realsten epischen Schilderung als auch der intimsten lyrischen Pointe werden? 36

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