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Der jüdische Student · 1933-02-01 · Heft 1 (Februar 1933) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
30 (1933)
Issue
Heft 1 (Februar 1933)
Date
1933-02-01
Page
[Seite] (sequence 37)
Language
German
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Literaten dieser Zeit haben das Verdienst Pioniere gewesen zu sein: Sie haben den brachliegenden Boden hebräischen Schaffens wieder beackert und besät* Sie waren Künder einer ungeahnten Zukunft. Aber dies ist auch alles. Ihre literarischen Produktionen waren mehr Andeutung als Ausdruck. Sie hatten keinen Vollklang, nur geringen Lebensstoff und wenig Lebensenergie. Sprache und Literatur waren nur Mittel zum Zweck. Zweck der „Haskalah**. So blieb alles tote Buchschöpfung. So ward alles — Fichmann hat dies einmal treffend formuliert — zu einer „Torah schebichtan**, zu einer „schriftlichen" Lehre. Anders unsere neuhebräische Gegenwartsliteratur. Sie ist in einer viel glücklicheren Stunde zur Welt gekommen. Alle Elemente, aus denen sich künstlerische Schöpfungen zusammensetzen, waren vorhanden. Von Pioniertum kann keine Rede mehr sein. Der Weg wa ja geebnet. Aber die Literatur erreichte ihre ihr gebührende Note: die natürliche Lebendigkeit. Weit davon entfernt zu Haskalah-Zwecken da zu sein, wurde die hebräische Sprache zu einem lebendigen Ausdruck von Kraft und Sonne, Lebensdurst und Lebensfülle. Sie wurde zum pulsierenden Rhythmus des jüdischen Lebens und jüdischen Aufbaues. Sie hörte auf, tote „B u c h s c h ö p f u n g** zu sein und wurde „W ortkuns t". Sie verwandelte sich — um bei dem Fichman nfschen Bildern zu bleiben — von einer „Torah sdiebichtaw" in eine „Torah schebealpeh'*, von einer „schriftlichen'* in eine „mündliche** Lehre. Dieser Uebergang von der „Schrift** zum „Mund**, vom „Buch** zum „Wort", von produzierender Schöpfung zu gestaltender Kunst, ist nicht nur die Zäsur, sondern gleichzeitig ein Grundcharakteristikum der neuhebräischen Gegenwartsliteratur. IL Und noch etwas: die Grundnote der heutigen hebräischen Literatur — in Inhalt, Farbe, Ton und Gestaltung — ist der ausgesprochene Drang zur Natur. Das ist die zweite neue Note der Epoche, von der wir reden. Und zwar sowohl die der Poesie, als auch die der Prosa. Die neuhebräische Poesie schüttelte von sich radikal jede Vergangenheit ab. Sie war jung und durstig — jede gesunde Jugend hat Durst — und verlangte nach Sonnenhaftigkeit und Licht, Lebensfreude und Liebesglück. Sie rief ein Zurück zur Sonne und zur Mutter Erde und wollte von traditionsbelasteten Problemen nichts wissen. Nun gab es schon einmal einen solchen Abfall von der Tradition. In der „Haskalah". — Auch dort ertönte der Ruf nach Normalisierung unseres Lebens. Aber jene Forderungen wollten immer rationell begründet sein. Es fehlte jener Epoche, das was die unsrige so kennzeichnet: Trunkenheit vor Durst, Verliebtheit vor Sehnsucht, Leidenschaft vor Liebe... Unsere neue Poesie doziert nicht — sondern entzückt. Lehrt nicht — sondern berauscht. Erklärt nicht — sondern reißt einfach mit. Sie begründet nicht. Sie verführt. Sie will keine schweren Probleme lösen. Aber dafür in farbenfröhlicher Spielerei die Schönheit der Welt — der äußeren und inneren, des großen und kleinen Kosmos — in bunter Wiederspiegelung zeigen. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, daß wir Juden schon a priori keinen Sinn für Natur haben. Es wäre kein Werturteil auch wenn diese Theorie 35

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