Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 11 (Dezember 1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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hat, daß das System des Minderheitenrechts aus wirtschaftlichen Gründen «sich für den Juden im Osten als Fata Morgana erwiesen hat. Wegen der Siedlungsverhältnisse und der ungesunden Berufsstruktur wäre auch der Auf. bau eines eigenen Wirtschaftskörpers aussichtslos. 3, Eine Aufrichtung der nationalen Autonomie bedarf eines großen Appa. rates. Dieser Apparat wird umso größere Kosten bereiten, je zerstreuter die Angehörigen wohnen. Wir fragen: wer wird es bezahlen, wenn in jed8m kleinen Nest Minderheitenschulen errichtet werden müssen? Ans dem Gesagten ergibt sich, daß die Inanspruchnahme des Minderheitenrechtes für die Juden in Deutschland keine Vorteile, sondern nur zahllose Nachteile bringen kann. Solange wenigstens ein Schein von .Rechtsstaat besteht, sind wir unter dem gegenwärtigen Status trotz aller Bedenken besser gestellt als durch Minderheitenschutz. Das Problem wird vielleicht akut werden, wenn durch die politische Konstellation uns eine Rechtsstellung der oben geschilderten Art aufgezwungen wird. Dann werden wir uns dazu stellen müssen. Aus eigener Initiative dürfen wir sie nicht wollen. Der Zionismus kann und darf nicht die Verelendung der deutschen Juden wollen. Darum Finger weg von Forderungen, die durch ihre Konsequenz bestrickend, ja überzeugend klingen, die aber in der Praxis uns eine außerordentliche Verantwortung aufladen können. Zum geistigen Gesicht des Nationalsozialismus Von Ephraim Szmulewicz, Breslau. Vorbemerkung der Redaktion: Wir drucken dies« Stellungnahme zum Problem Nationalsozialismus, die von Bbr. Szmulewicz für eine deutsche Zeitung geschrieben ist, ab, obwohl sie die Judenfrage nur streift. Sie geht von einer ganz anderen Grundlage aus, als die bisherigen — insbesondere die Krojankes&en — Erörterung, und scheint uns vor allem ein wichtiger Beitrag zu der Frage des" Unterschiedes unserer Bewegung von derartigen ..nationalen" Bewegungen" zu sein. Die „Theorie" des Nationalsozialismus ist vielleicht mehr noch als seine Praxis alarmierend. Sie faßte grob das Nietzschewort: „lebe gefährlich!", wandelte es zu dem Imperativ: „denke gefährlich", um bei einem geistigen Abenteuertum zu landen, das wahrlich eine Gefahr für jedes Denken überhaupt darstellt. Ein Blick auf die neuen und neuesten geistigen Blüten des nationalsozialistischen Edens ist äußerst aufklärend und für das Verständnis des nazistischen Alltags schier unentbehrlich. Hassen oder Denken. Im Jahre 1923 erklärte der faschistische italienische Justizminister Rocco, der Faschismus sei „die Erhebung gegen das Germanentum und den Geist der sogenannten Freiheit. . . . von Luther führe über Pufendorf, Locke, Kant, Fichte eine gerade Linie zu Lenin. Liberalismus, Demokratismus, Sozialismus, Kommunismus seien logische Ausflüsse der luthe* risch-germanischen Reform." Im selben Jahre spielte sich auf deutschem Boden eine Rebellion gegen die Demokratie, einem „undeutschen westlichen Produkt" ab. Die nationalsozialistischen Intellektuellen verstanden es dann im Laufe der letzten Jahre, eine strikt antidemokratische „Kulturtheorie auszuspinnen, nach der alles demokratisch-liberale Gedankengut der ,X*r 308