Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 10 (November 1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Angesichts dieser Verwirrung ist umso begrüßenswerter der Versuch, eine innere Klärung herbeizuführen. Die politische Seite des Gatuthproblems wurde vor kurzem in interessanter Weise von Alfred Marcus in seinen Aufsätzen (JR. 1932 Nr, 60 u. 62) beleuchtet. Dabei ist nicht alles zu unterschreiben. Die Ausführungen von Marcus laufen auf einen Galuthnationalismus hinaus, der nicht haltbar ist. Doch interessanter als diese seine Zukunftsvorstellung ist seine Analyse der politischen Betätigung der Juden innerhalb der deutschen Politik. Marcus meint, daß wir die Vorgänge, die wir vor uns abspielen sehen, in ihren Wurzeln nicht begreifen. Wir reagieren zwar auf sie und nehmen wertend Stellung. Aber unsere Urteile sind nicht aus der Quelle dessen geschöpft, was heute das deutsche Volk in seinem Innersten aufwühlt. Sie geben vielmehr zugleich eine Antwort auf die Frage: Was bedeutet dieser Vorgang für mich als Juden? Es ist diese reservatio mentalis, die das Urteil der Juden verschieden ausfallen läßt. Da den Juden im Gegensatz zu religiösen Gruppen, wie zum Beispiel den Katholiken, eine spezifische Weltanschauung, mit der sie die deutsche Politik formen könnten, mangelt, da sie es auf der anderen Seite ablehnen, eine jüdische Politik zu führen, stellt sich diese angeblich deutsche Politik als jüdische Opportunitätspolitik heraus. Die leidenschaftliche Anteilnahme an der deutschen Politik erscheint grotesk. Diese Analyse trifft in der Tat auf die politische Haltung des Gros der CV-er und auch eines Teils der Zionisten zu. Sie läßt nur noch nicht in vollster Klarheit das Problem der politischen Betätigung des Juden erkennen. Dieses geschieht erst durch eine Beleuchtung des Grenzfalles, nämlich des in der deutschen Politik wirklich tätigen Juden. Bei ihm findet man diese Reservatio nicht. Wie sich vom deutschen Bürgertum Menschen abgesplittert haben, die den Weg zur Politik des Proletariats fanden, so gibt es auch jüdische Menschen, die in aller Ehrlichkeit und aller Echtheit fern von jeder Erwägung, daß es sich hierbei um eine den Juden „wohlwollende** Bewegung handelt, Sozialisten sind. Wenn auch diese scheitern, so kann nicht jene Reservatio für das Nichtverstehen der Vorgänge verantwortlich gemacht werden. Entscheidend sind vielmehr jene letzten Verschiedenheiten, die die Völker voneinander abgrenzen, die Tatsache, daß das verschiedene Schicksal der Völker in diesen verschiedene Reaktionsweisen geschaffen hat. Nur so Jst es zu erklären, daß der Jude noch am stärksten dort wirken kann, wo er von den nationalen Kräften am weitesten entfernt ist. Der jüdische Ideologe, der jüdische Beamte kann sich zuweilen noch durchsetzen. Das Objekt seiner Tätigkeit sind Gedanken oder Organisationsgebilde. Je mehr seine Stellung ihn aber mit -dem Menschen in Berührung bringt, umso gefährdeter ist sie. Als Außenpolitiker konnte sich der Jude zuweilen halten. Er hat das Verhältnis von Staaten und weniger von Völkern zu regeln. Und es ist charakteristisch, daß in Zeiten, in denen die Außenpolitik eine Angelegenheit der Völker wird, der in ihr tätige Jude scheitert. Unmöglich ist aber die Stellung der Juden als Volksführer, als Parteiführer. Hier steht er in direkter Beziehung zum Menschen. Man braucht hier weniger an die äußerlich ge- 277