Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 9 (Oktober 1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Urmaterial und an der inneren Haltung zu ihm. Ist man sich in weiten Bezirken etwa der Wissenschaft vom klassischen Altertum über die Methoden nicht nur, sondern auch über die Hauptergebnisse ziemlich einig, so ist man sich für die israelitische Antike letztlich über nichts'ganz einig. Warum? Eine literarische Quelle, die dem einen höchst zuverlässig vorkommt, ist dem andern höchst verdächtig. Die „gute, altverbürgte Nachricht", die dieser in irgendeinem Satze erblickt, erscheint jenem „ohne jeden Zweifel als ganz junger tendenziöser Einschub" (keine wörtlichen Zitate). Datierungen von Institutionen und Urkunden, die um viele Jahrhunderte differieren, sind auck, und gerade in den wichtigsten Fragen, zahlreich. War mit „hoffnungslos" zu viel gesagt? Und jeder hat, versteht sich, seine Argumente. Man könnte geradezu eine neue Disziplin entwickeln, eine Wissenschaft von der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts über das israelitische Altertum. Es ist sympathisch und spricht für den sachlichen Ernst und die persönliche Ehrlichkeit unseres Bbr. Elias Auerbach (früher Haifa, jetzt Berlin), daß er im Vorwort des eben erschienenen 1. Bandes seines neuen Geschichtswerkes „Wüste und Gelobtes Land" (Geschichte Israels von den Anfängen bis zum Tode Salomos, 307 S.; Kurt Wolff Verlag Berlin 1932) in voller Klarheit auf den notwendig subjektiven, den visionären Charakter auch seiner Darstellung hingewiesen hat. Mit dieser Vorgabe reiht er sich in den Kreis der echten, selbstkritischen Historiker ein, Und doch hätte Auerbach dieser bescheidenen Einschränkung weniger bedurft als manch anderer. Denn das tiefe Bemühen, unbestechlich und nüchtern das biblische und außerjüdische Quellenniaterial zu prüfen, leuchtet aus jeder Zeile, aus jeder Anmerkung hervor. Er ist hart gegenüber den Berichten und Tatsachen, aber . er hat den Schwung des künstlerischen Geschichtsschreibers — mancher Ab« schnitt liest sich in der Tat fesselnd und hinreißend wie ein historischer Roman — gegenüber dem jüdischen Genius. Lest Auerbachs Darstellung der Deboraschlacht, den Philister* stürm, die Kapitel „Saul" und „David" — lest alles, alles» Das ist ein Buch, liebe Bundesbrüder; das ist ein Buch! Mir erscheinen als besonders unterschiedliche Merkmale des Werkes: 1. Selbständige Beherrschung und Kritik der bibelwissenschaftlichen Methoden und Resultate; 2. Erschöpfende Behandlung der realen Grundlagen des biblischen Altertums (Wirtschaft, Politik, Gesellschaftsordnung, Land und Leben, namentlich auch Strategie — Terrainskizzen der Kampfhandlungen!); 3. Ueberblick aus Eigenem über die vorderasiatische Umwelt; 4. Abgeklärte Ruhe des vorsichtig wägenden Gelehrten; 5. Erlebnisvolle Einsicht in die komplexen nationalen Zusammenhänge der rassischen und seelischen Faktoren; 6. Ausgezeichnetes Anschauungsmaterial. Noch Graetz schrieb, im Sakralstil, eine Göttliche Tragödie der Juden, Dubnow begann auf fruchtbarem biosoziologischem Grunde die Säkularisierung der jüdischen Geschichtsschreibung; Auerbach, dessen klarem Blick sich so diametrale Dinge wie literarische Kontroversen und militärische Ueberlegungen, seelische Bedingtheiten wie klimatische Einflüsse gleichmäßig erschließen, gibt bereits erdhafte, naturnahe Volksgeschicbte- Nebenbei bemerkt: Was Bbr. P^f* 260