Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 9 (Oktober 1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3537599-3537829-3537837--8486-3546548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die hebräische Sprache und wir. Von Hans J. Salomon, VJSt. Makkabaea-Berlin, Schon wieder das alte Thema! sagen die einen. -Was soll dieser Aufsatz? mögen andere sagen. Und viele werden ihn vielleicht kaum lesen. ..Schreibe kurz und interessant!" sagt mir Gerling. Bei der im voraus geahnten Kritik, bei der Befürchtung, daß'das Gedruckte zwar schön da steht, möglicherweise aber gar nicht gelesen wird, kann auch dem Schreiber im voraus angst und bange werden. Kann man wirklich Neues sagen? Gibt es ein Recht und eine Notwendigkeit, über dieses Thema zu schreiben? Liebe Freunde im ganzen Reich! Unser J.St. ist, »streng vertraulich.' Das soll doch wohl heißen, daß in ihm nicht programmatische Aufsätze stehen, die jede andere akademische Zeitschrift ebensogut bringen könnte. Es soll doch wohl heißen, daß wir uns gegenseitig etwas zu sagen haben, was unsere eigenste Angelegenheit ist, und weiter nicht nur, daß jeder, der etwas zu sagen hat, es sagen darf, sondern, daß er es sagen muß. Ob dieser Aufsatz interessant ist, werde ich Eurer Beurteilung überlassen. Ich schreibe nicht, um interessant zu sein, ich schreibe, weil ich das sagen muß, was uns eigentlich allen selbstverständlich sein sollte. Ich glaube nicht, daß es einen einzigen Bundesbruder gibt, der die Bedeutung der hebräischen Arbeit für uns nicht zu würdigen wüßte, der nicht ,im Prinzip' hebräisch zu lernen gewillt ist. Das .Prinzip' ist sehr schön; aber die Ausführung .... Es gibt auch keinen unter uns, der nicht durchaus schlagende Gründe dafür erbrächte, daß gerade er nicht lernen kann. Natürlich sind alle, clie nicht lernen, entschuldigt, .dispensiert*. Es wäre auch müßig, ja, sogar albern, denen Vorwürfe zu machen, die nicht lernen. Es gibt bessere Arbeiten, sich lächerlich zu machen. Aber alle die, denen die hebräische Arbeit ernsthaft am Herzen liegt, stellen sich die Frage: Warum ist es nicht möglich, gerade unser Kartell in einem ganz anderen Sinne, als das bisher möglich gewesen ist, für eine intensive hebräische Arbeit zu aktivieren? Warum ist es noch immer nicht möglich gewesen, eine hebräische Atmosphäre zu schaffen, wie es eigentlich gerade für uns, Akademiker, Pflicht wäre? Seien wir ehrlich. Auch diejenigen, die ,sich nicht getroffen' fühlen. Denn — das muß klar sein — es kann in unseren Diskussionen nicht darauf ankommen, anderen Vorwürfe zu machen; wir sollten vielmehr gemeinsam versuchen, uns, wo es nötig ist, zu korrigieren. Es gibt einen wesentlichen Grund für die Mängel, die unsere hebräische Arbeit aufweist; das ist die Einstellung, mit der wir an diese Arbeit herangehen. Es wird zwar gelernt; aber allzu oft wird dieses Lernen noch als Zwang empfunden. Erzwungenes wird fast stets mit einem gewissen Unwillen getan. Jeder bemüht sich, einen Zwang von sich abzuschütteln, um frei zu sein. D3« wo wir als Westjuden, die der hebräischen Sprache und Kultur im Grunde doch fern stehen, einmal aus eigenem Antrieb zu lernen beginnen, fühlen wir nach gewisser Zeit doch den Zwang, der uns unbehaglich ist, den wir darum a111 einfachsten dadurch los werden, daß wir aufhören. Wo gäbe es keine Gründe für dieses »Unterbrechen'? Aber, sagt, was Ihr wollt, die psychologischen Gründe scheinen mir wesentlicher zu sein. Natürlich ist es schwer, die hebr. Arbeit immer durchzuführen. Ist unser Lernen vielleicht gar Utopie? ®cn Satz Herzls kennen wir alle: „Si vous voulez, ce n'est pas uxie conte!" 250