Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 9 (Oktober 1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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erste ist, wie sich später herausstellt, seit Jahren taub.) Er tut höchst ver> wundert, daß wir da sind, wo er uns abgeschrieben hat. Wir verstehen das nicht, denn sonst hat uns unser Bureau -doch alles nachgeschickt, denn wir sind schon seit acht Tagen auf Tour. In Wirklichkeit habe ich das harmlose Briefchen selbst geschrieben. Der großartige Ton wirkt. Nickt immer dar{ man den Leuten so kommen. Man merkt das aber gleich. Wir dürfen reden und setzen zusammen 20.15 nach dem lMLnjen fest Er möchte so" gerne heraus bekommen, zu was für einer Richtung wir gehören, was wir genau wollen, ob wir schnorren wollen. Wir verstehen seine Andeutungen aber nie. Jedesmal ist irgendetwas anderes plötzlich besonders interessant. Wir werden zum Essen eingeladen, erzählen, wir hätten eigentlich im koscheren Restaurant essen wollen und nehmen nachher noch gnädig an. In Wirklichkeit könnt Ihr Euch denken, so ein däftiges kostenloses Essen kann man brauchen. Aber nie aus der Rolle fallen. Einen Jungen schickt man uns mit, um jetzt alle Leute noch persönlich einzuladen. Das ist unbedingt notwendig. Zeit haben wir jetzt ja, denn wir haben uns ja die Veranstaltung umgelegt. Nachsagen kann uns keiner was, daß wir nicht pünktlich waren. Denn das ist mir auch schon passiert, daß ich irgendwo hingekommen bin und unpünktlich war, und mir dann gesagt wurde, die Leute waren dort gewesen, sie seien aber schon wieder weg. Wahr war das natürlich damals nicht. Wie sich später herausstellte, hatte der gute Onkel nichts gesagt. Aber um Gottes willen darf man das dem Herrn Vorstand nicht sagen. Damals brauchte es große Ueberredungskunst, bis ich die Leute zusammentrommeln durfte. Ohne den Vorstand ist nie-etwas zu machen. Zurück nach Langenselbold! Bei jedem sind wir zwei Minuten. Es genügt, daß man die Zeit und den Ort des Vortrags sagt. Nur muß man dem Kind den Kopf streicheln, einen faulen Witz machen, einmal herzhaft ein kräftiges Wörtchen gebrauchen, kurz sich lieb Kind machen. Gar nicht so einfach und sehr wesentlich! Von der Art, wie man sich einführt, hängt alles ab. Die Leute wollen keinen streng logischen ernsten Vortrag. Sie wollen etwas Wirklichkeit. Sie brauchen eine kräftige, lebendige Art der Darstellung. Es muß sie packen, mitreißen. So muß man sich ihnen auch vorstellen. In einer guten Stunde hat man die Hälfte der Familien durch. Das genügt. Die anderen hören von uns und wollen uns sehen. Dieses Mal haben wir Pech Unser Führer läßt uns zum Schluß stehen. "Es regnet dem Guten zu .stark Landarbeit ist keine Sache, die jemals glatt geht. Aerger hat man regelmäßig Das darf einen nie stören. Nach dem lukullischen Mahl bei der Frau Vorstand bei dem wir uns ganz unvornehm stärken, kommt das Hauptstück. Wir sind uns inzwischen klar, daß die Gemeinde eine der vielen ist, bei der man fromm tut und wirtschaftlich interessiert ist. Die Leute sind nach altem Schlag, dah*f ist eine Diskussion unter uns beiden ungeeignet. Wir reden nacheinander un-1 teilen uns genau den Stoff ein. Karlo fängt an: Wir sind im Monat Elul, chs Jahr neigt seinem Ende zu, in der Thora steht, in der Bibel steht Buch *• Kapitel x usw., und überschüttet die Leute salbungsvoll mit Bibelresultate0 Langsam geht es, den Antisemitismus leicht streifend, zur schlechten Lage dcr Viehhändler, der miesen Lage der Textilbranche und zu den Gefahren dc> jüdischen Berufe durch die Konsumgenossenschaften. Am Höhepunkt brich1 er ab, ohne irgendwie eine Antwort zu geben. „Nun, meine lieben Zuhörer« mein Kollege wird weitersprechen." Unter verdutzten Gesichtern spaziere auf den Kanzelstuhl. Auch ich tue erst meiner Pflicht genüge und rede üb*r 244