Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 8 (September 1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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ergriffen wir die Initiative zur Ausweitung der organisatorischen Möglichkeiten zionistischer Arbeit (Gründung von Schülerbünden, KontinentalBünd, Wizo). Was unter normalen Verhältnissen ein zionistischer Territorialverband hätte leisten müssen, fiel bei dem zerklüfteten Zustande des lettländischen Zionismus uns als einziger nicht parteigebundener Gruppe als Aufgabe zu. Dieses System, auf das zweifellos der genius loci abgefärbt hatte, hatte nun den Nachteil, daß es der selbsttätigen Initiative des Einzelnen und der Entfaltung seiner Persönlichkeitswerte zu wenig Spielraum ließ: der Einzelne war lediglich der „unbekannte Soldat'*, der als Rädchen in einer von oben zweckbewußt geleiteten Maschinerie die ihm zugewiesene Teilarbeit, ohne rechten Ueberblick über das Ganze, verrichtete. Die Erfolgsmöglichkeiten dieses Systems waren wesentlich an die persönlichen Qualitäten der an seiner Spitze stehenden Bundesbrüder gebunden. Geschah es, daß die Verantwortung an Bundesbrüder mit geringerer gesellschaftlicher Erfahrung oder geringerem organisatorischem und politischem Scharfblick überging, so mußten sich sehr bald die Schattenseiten bemerkbar machen. Die übertrieben kollektive Teilnahme am politischen Geschehen, die der Verbindung eine Reihe äußerer Erfolge gebracht hatte, hatte das Orientierungsgefühl des Einzelnen abgestumpft und eine Art bündischen Separatpatriotismus erzeugt, dessen Folge eine schwer überwindbare Abneigung des einzelnen Bundesbruders war, sich für eine bestimmte zionistische Stellungnahme durch Beitritt zu einer lokalen zionistischen Organisation zu entscheiden. Man glaubte in der Verbindung die Totalität zionistischen Lebens zu finden und der Verpflichtung zu weiteren Bindungen enthoben zu sein. Manche Bundesbrüder, die diesen Zustand instinktiv als unbefriedigend empfanden, verfielen sogar aus dieser geistigen Situation heraus ins Extrem, in Lettland eine neue zionistische Partei schaffen zu wollen, die im Grunde für niemand als für unsere Menschen ein Bedürfnis sein konnte. Dies-e bedrohlichen Symptome führten allmählich zur Selbstbesinnung. Zweierlei Erkenntnisse ergaben sich dabei: 1. rein theoretische Schulung befähigt noch nicht zu zionistischer Orientierung und persönlicher Entscheidung (wer denkt dabei nicht an die MPolitis:erungs'*debatte der Jahre 1927/28?); 2. das jeder gesunden Organisation innewohnende Streben zur Stärkung ihrer äußeren Stellung darf uns nicht dazu verleiten, das staatsbürgerliche Ziel zionistischer Erziehung — nämlich Dienst am Zionismus durch ^as Medium der Zionistischen Organisation, ihrer Landes- und Sonderverbaede — zu übersehen. Die Folgerung aus dieser Erkenntnis konnte nur 'auten: stärkere Heranziehung jedes Bundesbruders zu persönlicher Verantwortung in Dingen zionistischer Tagesarbeit und Drängen auf persönliche Entscheidung für eine der bestehenden zionistischen Richtungen. Dadurch erst können die potentiellen Energien unserer Menschen, die ja in dem auf eine ^stimmte Alters- und Entwicklungsstufe zugeschnittenen Rahmen der Verbindungsarbeit früher oder später der Uebersättigung und daraus resultier^nden Erschlaffung anheimfallen müssen, den Erfordernissen der Bewegung uauernd dienstbar gemacht, und der Zionistischen Organisation ein brauchbarer Nachwuchs aus unseren Reihen gesichert werden. Nur dadurch ist auch die Möglichkeit gegeben, daß unsere Menschen nach dem Abschluß!brer Aktivenzeit nicht als „Versager" die oöe Armee der passiven Mit- 215