Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Massenaufgebote der großen politischen Heerlager gegeneinander marschieren und vom Sieg der einen oder der anderen Seite Unübersehbares für uns abhängt, muß die sonst vielleicht entschuldbare Sucht ein Ende haben, jeder individuellen Regung nachgebend Splitter zu schaffen auf Kosten der notwendigen gemeinsamen Front. Aehnliches gilt von der Staatspartei. Sie hatte einmal eine historische Bedeutung und ihre von uns gewißlich unvergessenen Verdienste im Kampf um die Gleichberechtigung aller Bürger. Seit jenem unglücklichen Versuch der Verkuppelung mit dem Jungdeutschen Orden, symbolhaft durch das Verschwinden ihres Namens „Demokratische Partei" angedeutet, verlor die alte Partei Friedrich Naumann s und Theodor Barth's, die einmal an die Ideenwelt der Humboldt's und die Tradition der Paulskirche anknüpfte, ihren politischen Einfluß. Heute ist sie eine kleine Gruppe, zumal sie den Beschluß gefaßt hat, im Wahlkampf ihren Weg allein zu gehen, statt durch die ihr angebotene Anlehnung an eine große Partei Sorge zu tragen, daß keine einzige Stimme der freiheitlichen Konzentration verloren geht. So bleibt uns nur eine zweifache Möglichkeit: Zentrum oder Sozialdemokratie. Die deutsche Zentrumspartei hat die Grundsätze der Gleichberechtigung aller Bürger, der religiösen Toleranz und des sozialen Volksstaates konsequent festgehalten. Selbst Minorität in Preußen-Deutschland, hat sie seit Windthorst's Zeiten den S.chutz jeder Minderheit verfochten. Sie hat in den Kämpfen gegen den Katholizismus in Deutschland seit 1870 erfahren, was religiöse Verfolgung bedeutet, und für ihre Staatspolitik daraüs die entscheidende Lehre gezogen. Schmälerung unserer Rechte erscheint bei ihr nach Programm und bisheriger politischer Praxis ausgeschlossen. Auch in Koalitionen besteht nicht die Gefahr der Aufgabe ihrer Grundsätze. Wer sich mit ihr koaliert, muß damit rechnen. — Wir sind keine Katholiken.. Unserer Geschichte bewußte Juden, wissen wir, daß die Geschichte der katholischen Kirche dunkle Blätter aufzuweisen hat. Torquemada war Katholik. Wir glauben, daß auch die katholische Kirche gelernt hat. Männer, wie den Kardinal Faulhaber, auch nur einen Augenblick mit den Inquisitoren des Mittelalters zusammen zu nennen, heißt, die Zeit verkennen. Der Historiker soll um der Wahrheit willen nichts verschweigen, ein Volk nicht vergessen, der praktische Politiker aber verstehen, daß es sich selbst schaden heißt, sich ständig zu erinnern. Und letzten Endes: Muß wirklich die beinahe überflüssige Bemerkung gemacht werden, daß die Gegenwartspolitik der deutschen Zentrums* partei mit den soeben heraufbeschworenen historischen Erinnerungen nicht das Geringste gemein hat? Gesetzestreue Kreise des deutschen Judentums« insbesondere Süddeutschlands, haben durch Generationen Zentrum gewähr und sind nicht schlecht dabei gefahren. Die Gemeinsamkeit religiöser Grundanschauung hat häufig Bindungen geschaffen, die jüdisch-religiösen Kreist eine Stärkung dieser Partei erwünscht erscheinen ließ. Ob die Zentrum*' partei mit den Nationalsozialisten in eine Koalition gehen wird, ist zweifd' haft. Sollte die politische Entwicklung dazu führen, so wird das Zentrum Durchführung des antisemitischen Programmes die größten Schwierigkeit^' machen, und es besteht die Hoffnung, daß es bei seiner zähen Konsequenz den Nationalsozialismus zum mindesten praktisch in der Judenfrage ^c^' 184