Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537829-3537835--8401-3546461- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nisten abhängig von einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung der jüdischen Produktionsverhältnisse. Wir Poalezionisten z. B. meinen, daß Vorbedingung dieser Umwälzung die Erlangung der nationalen Autonomie in der Diaspora und Palästina ist. Diese Meinung kann falsch sein. Ihr Prinzip ist aber: Gesellschaftliche Veränderungen des jüdischen Volkes sind Funktionen seiner gesellschaftlichen Entwicklung. Und dieses Prinzip ist richtig. Ein jüdischer Proletarier, der nach diesem Grundsatz handelt, denkt gleichzeitig national. Wird aber gesellschaftliche Veränderung einer nationalen Gruppe von der gesellschaftlichen Entwicklung einer anders nationalen grundsätzlich und ausschließlich abhängig gemacht, so ist das Assimilation. Die Juden der Kommunistischen Landtagsfraktion, die eine solche Politik ihrer Partei dulden, sie sogar unterstützen und für richtig halten, handeln daher assimilatorisch. ä Jeder Sozialist denkt und handelt nicht nur national, sondern auch international zugleich. Sein Grundsatz ist die Solidarität der unterdrückten Klassen aller Völker. Hieraus folgert sich ihm, daß er überall dort hilft und aktiv sich beteiligt, wo es gilt, der unterdrückten Klasse einer Nation die Verteidigung ihrer Rechte gegen die konnationalen Bedrücker ihrer eigenen herrschenden Klasse verstärkt zu ermöglichen. Er bekämpft daher nicht die andersnationale herrschende Klasse, weil sie andersnational, sondern weil sie bourgeois, herrschende und unterdrückende Klasse ist. Jeder gegenteilige Versuch ist imperalistisch, antinational und konterrevolutionär. Nicht die Talsache der nationalen Zugehörigkeit und nicht die geographische Provenienz sind die Koordinaten nationalen und internationalen Klassenkampfs, sondern ausschließlich der Standort im Produktionsaufbau und die Stufe der kapitalistischen Hierarchie. Ein jüdischer Sozialist, der dies vergißt, hat den Anspruch auf den Namen Sozialist verloren. Richtet sich zudem noch seine Arbeit gegen Juden oder Ostjuden, weil sie Juden oder Ostjuden sind, unterstützt er, gleichviel aus welchen Motiven, solche Anträge, so handelt er bewußt assimilatorisch. In Parenthese: Eine eingehendere Untersuchung des Problems der roten Assimilation würde übrigens als Regel ergeben, daß jeder assimilatorische Sozialismus sehr schnell den Boden des Sozialismus verläßt. 2.) Am Sonntag, den 26. Juni 1932 fanden an den Berliner Schulen die Elternbeiratswahlen statt. Es gab im wesentlichen 2 Listen: a) eine sozialdemokratische: „Schulaufbau", b) eine bürgerliche, die mit wenigen Ausnahmen auch die Nationalsozialisten einschloß, die ,,christlich-unpolitische Liste". Wie war die Stellung des jüdischen Bürgertums? Zwei Zitate. C. V. Zeitung Nr. 21, vom 20. Mai 1932: „Bisher ist es meist gelungen, auch jüdische Vertreter auf die sog. (1) „Christlich-Unpolitische Liste" zu bringen." Ein Flugblatt dieser Liste der 9. Volksschule vom 24. Juni 1932: „Die von uns gewählte Bezeichnung „christlich - unpolitische" Liste ist nicht , . . eine Irreführung . . . Der Name , . . bedeutet, daß die Eltern, welcher Konfession oder Weltanschauung auch immer den gesetzlich festgelegten christlichen Charakter der 9. Volksschule anerkennen, und es für richtig halten, daß die christliche Welt- 179