Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen zur roten u. weißen Assimilation Von Marcel Lew Jede Bewegung schafft sich ihr eigene Begriffe. Im Laufe der Zeit wird ^ie Terminologie selbständig. Ihre Bestandteile beginnen ein unabhängiges Leben zu führen. Tritt dies ein, so ist mit Gewißheit auf eine — durch gesellschaftliche Ursachen bedingte — Aenderung der ursprünglichen Begriffsinhalte zu schließen. Die Geschichte des zionistischen Terminus Assimilation ist noch nicht geschrieben. Sie wäre nicht nur die Registrierung der zeitlichen Abläufe und des Entstehens neuer begrifflicher Inhalte und gesellschaftlicher Vorstellungen, sondern gleichermaßen auch die Chronik der letzten fünf Jahrzehnte jüdischen Geschehens. Was heute Assimilation heißt, ist etwas anderes als die gleiche Feststellung vor dem Kriege, deshalb anderes, v/eil die Struktur, somit das geistige und politische Gefüge des deutschen Judentums sich gegenüber der Vorkriegszeit grundlegend verändert haben. Man assimiliert sich an etwas anderes. Das Ziel ist ein anderes, oft auch der Zweck, die Tendenz eine andere. Somit hat sich auch das Kampfobjekt gewandelt. W,ar Assimilation vor dem Kriege die Sucht des Bürgertums, dem sozialen Aufstieg das gesellschaftliche Einrücken unter Preisgabe der eigenen Individualität folgen zu lassen, so kämpften wir gegen diese Denaturierung des nationalen Gepräges auf der Ebene der Moral. Wir erwiesen dieses Bestreben als Charakterdefekt, wir reihten es in Kategorien menschlicher Bewertung ein. Der — immer zwecklosen — Verlogenheit stellten wir die — stets zweckmäßige — Wahrhaftigkeit gegenüber. Das alles ist noch heute richtig, hat auch in dieser Zeit Geltung. Jedoch hat sich das f hwergewicht verlagert. Die gesellschaftliche Sehnsucht ist abgelöst von wirtschaftlichen Zielsetzungen. Das Kulturideal hat ökonomischem Machtbestreben Platz gemacht. Das Kampfobjekt ist nicht mehr die Moral. Es tfeht jetzt um die Politik. Mit der Verarmung und Pauperisierung der jüdischen Gesellschaft entwickelte sich eine soziologische Differenzierung. Die sozialen, Unterschiede hoben sich ab und die verschiedenen Schichten bezogen verschiedene Stellungen. Es markierten sich die Grenzen, und Fronten, wenn man so will: Klassenfronten, entstanden innerhalb des deutschen Judentums. Die fast einheitliche bürgerliche jüdische Gesellschaft zerfiel. Es kam. eine jüdische Bourgeoisie unabhängig von einem jüdischen Kleinbürgertum auf. Und unabhängig von beiden bildete sich eine proletaroide (in den Einkünften dem Arbeiterproletariat gleichgestellte), die Mehrheit allmählich erfassende jüdische Schicht. So mußte sich das Objekt der Assimilation spalten. Und da eine Gesellschaftsklasse der anderen Feind ist, mußten folgerichtig s>ch verschiedene Typen des Assimilationsbestrebens entwickeln, die einander entgegengesetzt, vorwiegend politischen und nicht gesellschaftlichen Charakter tragen. In diesem Sinne sprechen wir heute von weißer und roter Assimilation, einem Begriffspaar, das der Vorkriegszeit in Deutschland unbekannt war. Aus einem Begriff „an sich" ist ein Oberbegriff geworden. * Politik ist der bewußte gesellschaftliche Vorgang, der ausgehend von wirtschaftlichen ,,Produktionsverhältnissen einer gesellschaftlichen Gruppe die;^acht, die stets identisch mit Uebermacht und Vormacht ist, sichern und erhalten oder ihr erringen soll. Politische Assimilation also, oder, was das 177