Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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geistiges Zentrum zu empfinden, dessen Ausstrahlungen unsere seelische Judennot beeinflussen oder gar heilen könne und werde. Derlei schwärmerische Phantastereien können heute nur noch religiöse Gläubige befriedigen. Unsere Not ist erdhaft von dieser Welt und bedarf einer erdhaften Lösung. Die ganze Welt und besonders Europa und Deutschland ringt nach einer sozialen Neugestaltung. Wie immer die Entwicklung sich herausbilden mag, zweifellos wird sie für die Juden und werden die Juden für sie von unerhörter Bedeutung sein. Weil die Juden sich in einer ganz bestimmten (uns ja bekannten und erklärten) Berufsstruktur befinden, die von der Umschichtung des ökonomischen Lebens besonders vernichtend getroffen wird. Insofern gibt es innerhalb der allgemeinen Wirtschafb-gestaltung ein spezifisch jüdisches Problem. .Und da die 15 Millionen Juden weder auf dem Mond, noch in Palästina, sondern innerhalb der sozialringenden Staaten der Erde wohnen, leben, leiden, so können sie sich nicht ausschalten aus den Kämpfen um das neue Werden. Der Zionismus tut so und muß so tun, als gingen alle diese Dinge die Juden nichts an, die ja doch bereits „auf dem Marsche" sind und morgen in Palästina ihre eigene Welt nach eigenen Gesetzen gestalten werden. Der Zionismus gibt zu (vergleiche Blumenfelds letzte große Rede), die Juden der Diaspora werden unter den Rädern der Historie zermalmt und nur die Juden Palästinas werden — als Juden — leben. Nun, damit ist der Zionismus gerichtet. Zur Rettung von 1 Prozent (oder selbst 10 Prozent) der Juden, die als Museumsstück der staunenden Welt gezeigt werden könnten, dazu ist eine jüdische Volksbewegung zu schade! Ob die Juden und wie die Juden die heutige Krise* (nicht nur wirtschahncner Natur) überdauern werden, ist eine Frage der Biologie. Heute ist es, meiner Ansicht nach, Aufgabe jedes Menschen, sich nach seinen Kräften an seiner Stelle in den Dienst der Erneuerung dieser Weltordnung zu stellen, die untergeht und unterzugehen verdient. Mag sein, daß die Juden sich dabei so an ihre Umgebung assimilieren, daß es in absehbarer Zeit keine Juden (in unserem Sinne) mehr gibt. Vielleicht kommt es anders. Das ist, wie gesagt, eine Frage der den Juden innewohnenden Kräfte und das Ja oder Nein ihres Seins wird zugleich den historischen Wert ihrer Arterhaltung bejahen oder verneinen. Man braucht nicht krampfhaft zu stützen, was lebensfähig ist, und man kann nicht stützen, was untergeht. Wir müssen umlernen in den Begriffen der Assimilation, Unmoralisch (im Sinne unserer Fuxenstunden) ist gewollte, forcierte Assimilation, die mit unwürdigen Mitteln (Taufe) und meist zu persönlich egoistischen Zwecken erkrampft wird. Aber Assimilation als geschichtlicher Prozeß hat mit Moralbegriffen nichts zu tun, so wenig wie die Tatsache des Lebens oder Nichtlebens an sich überhaupt moralisch zu werten ist. Der Zionismus war m. E. eine notwendige Epoche, um unsere Generation vor der unmoralischen Assimilation zu bewahren, indem er sie zu überwinden uns lehrte. Vor der tatsächlichen Assimilation kann er uns heute nicht retten. Wir können uns nicht gleichzeitig einsetzen für eine soziale Umgestaltung unserer Umwelt als Teil der neugestaltenden Welt; und gleichzeitig für deß Aufbau eines jüdischen Palästinas, unabhängig von dem Werden der Welt. D*s Primäre, Aktuelle, Unabweisbare ist für mich die erste Aufgabe. Nicht a-s Menschheitsbeglücker, sondern im Interesse der 15 Millionen Juden, als Tcu dieser Menschheit, die ihren Platz finden müssen in dieser neu sich organistf* renden Menschheit. 172