Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1932-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1932) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
29 (1932)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1932)
Date
1932-07-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3537599-3537829-3537835--8393-3546453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Unglück auser-*rlL2ien Volkes zufällig nach Palästina gelangt sind. Im besten falle-' Das hei-:, vcnn es gelingt, allen finanziellen, wirtschaftlichen, politischen Schwierigkeiten r^m Trotz den jüdischen Besitzstand in Palästina zu halten. Ich glaube heute rieht mehr an diesen „besten Fall". Weil ich glaube, daß die \Velt die imperialistischen Kolonisaiionsmethoden überwinden wird und daß nach ihrer L'e'r-crwindung ein von englischem (oder irgendweich anderem) Machtapparat eicht mehr gestütztes jüdisches Kleingebilde sofort arabischen Interessen weichen muß. Aber wenn wir selbst zionistisch-optimistisch annehmen, das jüdische Palästina existiert und wächst, wächst es nicht mit der Geschwindigkeit Zeitlicher Zauberei sondern in dem Tempo, das menschliche Kräfte und menschliche Gegenkräfte bedingen! Was bedeutet das kleine Leben Palästinas bei der ungeheuren Judennot! Was bedeuten 160 000 Juden gegen 15 Millionen! Die Judennot ist heute wie alle Not überall zunächst eine brutal ökonomische XoL Die Not des jüdischen Volkes spielt sich heute in grauenhaftester Form cert ab, wo wirklich jüdisches Volk ist: in Rußland, Polen, Rumänien, Amerika.. Dort lebt wirklich ,,das jüdische Volk" in echtester, primitivster Not. Und für diese Not ist es völlig ohne Belang und Interesse, ob 160 000 oder 200 0O0 oder 600 000 Juden in Palästina oder sonstwo besser und freier leben oder nicht. Weil diese Not nicht irgendwie religiös oder sonstwie seelisch fundiert ist und gelöst werden kann, sondern weil es die Not jüdischer Massen aus Hunger, Arbeitslosigkeit, Hilfslosigkeit ist, eine ökonomisch bedingte Judennot, die nur ökonomisch gelöst werden kann. Die deutschen Juden und erst recht die Schicht der deutschen Juden, aus denen sich im allgemeinen die KJVer rekrutieren, spielen bei der Betrachtung oder für das Schicksal des jüdischen Volkes überhaupt keine Rolle. Man kann sie oder sie können sich als Glieder eines jüdischen Volkes bezeichnen. Aber es gibt in Deutschland kollektivistisch gesehen kein „jüdisches Volk". Es gibt nur jüdische Individuen, jüdische Einzelschicksale. Und daher unser westeuropäischer, individualistischer Zionismus. Jeder Einzelne von uns kann oder könnte seine private Judennot in Koffer packen, nach Palästina ziehen und dort zweifellos ("bis auf weiteres) frei und glücklich sein. Und wir kennen ja -ist die deutschen Zionisten per Namen, die diese individuelle, in gesundem!'-4oismus berechtigte Lösung ihrer Judenfrage gesucht und gefunden haben. ohl ihnen, ich beneide sie. Aber mit der Lösung meiner Judennot oder der J'dennot schlechthin hat das bitterwenig oder fast garnichts zu tun. Wir jfi- ^chen Akademiker Deutschlands, Söhne des durchweg gutsituierten jüdischen •'^Uelstandes, waren in unserer Jugend und waren noch bis vor einigen Jahren ' ' :^ücklich, in seelischer Judennot schwelgen zu können. D. h. es ging uns 'rtschaftlich so gut, daß wir es uns leisten zu können glaubten, die ökono- :sche Not des wirklichen jüdischen Volkes zu ignorieren oder doch nicht ernstf zu erkennen und die Debatten und Kämpfe um jüdische Not in höhere i aaren zu legen. Ich brauche nur das Stichwort „Heinrich Heine" zu nennen, J 1 klar zu machen, was ich meine, ohne ausführlicher hierüber werden zu müsri- Wir erkannten mit Recht unsere Andersartigkeit gegenüber unserer nicht-; "-»sehen Umgebung, die wir Wirtsvölker nannten, ohne unsere Rechnung mit r-'-cren Wirten zu machen; wir betonten unsere Andersartigkeit aus Daffkenis- '■ju?; ^vir suchten die Befriedigung unserer Andersartigkeit im Zionismus. Wir a,1hten oder redeten uns ein, in Palästina ein übersinnliches, quasi religiöses 171

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.