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Der jüdische Student · 1932-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1932) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
29 (1932)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1932)
Date
1932-07-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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Ein Ding der Unmöglichkeit, heute sich vorzustellen, ob und wie sich nach der ungeheuren Revolutionierung Judenschicksal gestalten wird. Noch unmöglicher, heute wo wir eine Welt zusammenstürzen sehen, so zu tun, als ob nichts wäre, und die Judenzukunft mit den imperialistischen Mitteln dieser vergehenden Welt bauen zu wollen. Der Zionismus hat seine geschichtilche Bedeutung gehabt und . erfüllt. Aber — er hat sie gehabt. Das ist heute meine Ueberzeugung, die mich zwingt, alle zionistischen Bindungen zu lösen, um mich nach meinen Kräften der sozialen Umgestaltung des Lebens widmen zu können. Ich halte das für eine Aufgabe menschlicher und jüdischer Pflicht. Ich hatte, ehe ich mich zu dieser letzten Konsequenz entschloß, Unterredungen mit vielen Bbr. Bbr. Teilweise fand ich eine nationalistische Einstellung, die ich nur schaudernd als Verirrung empfinden kann. Aber bei den meisten Bbr. fand ich eine Gleichgültigkeit, Uninteressiertheit, Resignation, wie ich sie in solchem Grade nie zu ahnen gewagt hatte. Ein unerhörter Prozentsatz von KJVern hängt aus Sentimentalität, Gewohnheit, Freundschaft, Berufsrücksicht und sonst derartigen Gründen, nur nicht aus echtem, überzeugtem, hoffnungsfreudigem Zionismus am Kartell. Wenn restlose Ehrlichkeit wäre, schrümpfe der Kerntrupp des deutschen Zionismus in nichts zusammen. Ich sage Euch das im Abschiednehmen erstens, um Euch die Augen zu öffnen, zweitens um dem naheliegenden Argument zu begegnen, das Abfallen vo,n den Idealen meiner Jugend wäre eine typische Alterserscheinung. Ich behaupte das Gegenteil! Gerade weil ich Aktivität in mir fühle, habe ich den Mut, aus neuer Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen und Bindungen zu lösen, die mir gefühlsmäßig und ,.persönlich-historisch'* sehr ans Herz gewachsen waren. Ich habe Euch absichtlich sehr ausführlich geschrieben (ich hätte — Gott behüte! — noch zehnmal mehr sagen können), weil mir daran Hegt, richtig verstanden zu werden. Wenn ich Euch über mein zionistisches Grab hinaus einen Wunsch oder Rat aussprechen darf: veröffentlicht diesen Brief im nächsten J. St.! Ich glaube, daß Ihr den Mut dazu haben könntet und daß er eine sehr intensive Aussprache auslösen wird. Dann hätte ich dem KJY. noch im Scheiden einen guten Dienst getan. Ehre meiner zionistischen Asche! Ich weiß, was ich dem Zionismus und was ich dem BJC.-KJV. danke, und werde stets in Liebe an die Ideale meiner (ersten) Jugend denken und an die Bbr., mit denen ich durch sie verbunden war. - * Für Sentimentalität hat die harte Gegenwart keinen Raum. Ich schließe mit Worten, die Theodor Herzl gern gebrauchte: Wer heute anders denkt als gestern Und es mit frohem Mut bekennt, Den werden die Philister lästern Und sagen: er sei inkonsequent. Ich wünsche Euch und mir, daß Ihr keine Philister gegenüber mir Juden seid! Euer Henry Unna. Unsere Antwort: Lieber Unna! Charlottenburg, 7. Juli 32. Deinen Brief mit Deiner Austrittserklärung hat das Präsidium recht erschüttert zur Kenntnis genommen, erschüttert nicht, weil Deine Argumente 173

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