Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 5 (Juni 1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537829-3537834--8356-3546415- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
keine Seite des Jordan, sie infolgedessen mit der jüdischen gedanklich zu verbinden, ist intellektueller Unfug. Es ist auch nicht so (wie Wir immer geglaubt haben), daß wir eine Legion haben wollen, „weil der Faschismus auch Legionen hat, sondern weil wir sie brauchen". Ebenso wollen wir Stricker und seine Paraden natürlich nur, weil wir ohne sie schlechterdings nicht unser Auskommen haben, nicht etwa aus Neid auf Goebbels. Das ist dann unsere „Eigengesetzlichkeit", während „der Versuch einer ideologischen Ausdeutung unserer Bewegung zu dem Zweck, sie mit anderen Bewegungen zu konfrontieren und zu verknüpfen, , . . völlig verfehlt" ist. In solche gedankliche Situation gerät man durch Inkonsequenz. Es geht eben nicht an, die deutschen Dinge unter dem Gesichtspunkt etwa des Brith Schalom, die jüdischen aber als Revisionist zu sehen. Lichtheim ist 2um Revisionismus gekommen, ohne seine Herkunft aus ganz anderen geistigen Bezirken verleugnen zu können. Er würde sonst, ohne zu solchen Gedankensprüngen gezwungen zu sein, dem deutschen Nationalismus, den er als alter Liberaler verabscheut, das Seine lassen und dann auch dem Vergleich nicht mehr so krampfhaft auszuweichen brauchen. Die Aehnlichkeit, ja die Gemeinsamkeit aller extremen Nationalismen liegt nicht in dem, was für jeden Nationalismus notwendig ist (was ist denn notwendig?), sondern in dem, was von den Nationalisten für notwendig gehalten wird. Für notwendig gehalten werden bei uns beide Seiten des Jordan, in Deutschland der östliche Raum, in Italien die Adria. Und alle brauchen militärische Macht, ihre Forderungen durchzusetzen. In diesem Maximalismus liegt die Gemeinsamkeit des. außenpolitischen Ziels, die natürlich, was Lichtheim wahrhaftig nicht zu beweisen brauchte, keine der Objekte ist. Und innenpolitisch liegt die Gemeinsamkeit dieser Bewegungen darin, daß sie durch ihre zahlenmäßige Macht und die Rücksichtslosigkeit ihrer Propaganda die verantwortlichen, mit den Gegebenheiten rechnenden Regierungen über jene Linie hinauszwingen, die einzuhalten die nüchterne realpolitische Betrachtung erfordern würde. Zwischen der Brüning-Regierung und der Weizmann-Regierung lassen sich hier sehr lehrreiche Parallelen ziehen, und ich werde mir auch auf die Gefahr hin, bei Lichtheim für einen verstiegenen Intellektuellen zu gelten, nicht einreden lassen, daß man diese Erscheinungen nicht miteinander vergleichen und aus ihnen lernen darf. ' Unsere Revisionisten (und vielleicht haben sie auch das mit den anderen Nationalisten extremer Richtung gemeinsam) stehen gedanklich in zwei Welten. Sie finden jeden Nationalismus außer ihrem eigenen verabscheuenswert; weil aber die konkrete Not, die die einzelnen Bewegungen hervorruft, natürlich verschieden aussieht, und weil das erstrebte Objekt, das die Not beheben soll, natürlich auch jeweils ein anderes ist, beruhigen sie sich bei dem trostlosen Anblick der anderen durch den Gedanken von ihrer „Eigengesetzlichkeit". Lichtheim mit seinem Beispiel von der Legion, die wir doch nur haben wollen, weil wir sie brauchen, hat diesen Gedanken geradezu klassisch formuliert. Das wird bleiben. Ich gebe zu, der Revisionismus hat, wenigstens in Deutschland, besonderes Pech dadurch, daß er gerade auf den Nationalsozialismus als Vergleichsgegenstand gestoßen ist. Den sieht nämlich jeder Jude so affektgeladen, daß der. Revisionismus wirklich alles Interesse caran haben muß. 139