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Der jüdische Student · 1932-06-01 · Heft 5 (Juni 1932) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
29 (1932)
Issue
Heft 5 (Juni 1932)
Date
1932-06-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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stattfinden kann. Das wird mir durch die Erfahrung bestätigt, daß auch Revolutionen, die aus leidenschaftlichstem Willen zur Erlangung oder Wiederherstellung der Demokratie geboren sind, vorübergehend die Demokratie außer Kraft setzen müssen. Was endlich geistig die Herrschaft der absoluten Vernunft, die' Lösung von allen autoritären Bindungen, die voraussetzungslose Freiheit menschlichen Denkens und Forschens anlangt, so ist die Zeit dieses Retortenrationalismus, ausgenommen vielleicht bei gewissen Schichten des deutschen Judentums, doch lange dahin. Wenn Krojanker auch wiederholt seine bessere Einsicht dahin zu erkennen gibt, daß der Liberalismus des XX. Jahrhunderts nicht mit dem des XVIII. zu vergleichen sei, daß er inzwischen mannigfache Wandlungen durchgemacht habe, so mutet doch die ganze Ideologie des neudeutschen Nationalismus/ die er zeichnet, sc m, als handele es sich dabei um eine Restaurationsbewegung nach der . 2en Französischen Revolution oder äußerstenfalls nach der deutschen Revolution des Jahres 1848. Inzwischen ist aber das Zeitalter des Liberalismus durch das des Nationalismus abgelöst worden, das die überkommenen liberalen Ideen gründlichst zersetzt und umgebildet hat. Vom bürgerlichen deutschen Liberalismus ganz zu schweigen, auch der Sozialdemokratie kann man kaum einen begründeten Vorwurf dahin machen, daß sie aus rationalistischer Engstirnigkeit heraus traditionelle und nationale Werte mißachtet habe. Wohl nie ist eine Revolution in der Schonung solcher Werte so weit gegangen wie die von 1918. Bezeichnend dafür ist ja, daß eine stärkste Betreuerin irrationeller Güterr die Katholische Kirche bzw. das Zentrum, mit dieser Revolution so schnell Frieden geschlossen hat und eine stärkste Stütze des angefeindeten „Systems" geworden ist. I ir nebenbei sei bemerkt, daß andererseits der Nationalsozialismus wesentliche rationalistische Elemente enthält. Die von ihm geforderte „Planwirtschaft" ist anders nicht denkbar, und sein eugenische« Programm stellt einen nicht mehr zu überbietenden Kotau vor der Allvernunft der Naturwissenschaften dar. Der tiefere Grund der Krisis scheint mir darin zu bestehen, daß, wie Krojanker es in anderem Zusammenhange treffend ausführt, die Menschheit mit ihrer in der Neuzeit außerordentlich gesteigerten Herrschaft über die Naturkräfte nichts Vernünftiges und Sinnvolles hat beginnen können. Die mechanische Zivilisation ist nicht zur Kultur veredelt worden. Die Völker sind durch die Entwicklung der Technik wirtschaftlich mit ungeheurer Geschwindigkeit in ein planetarisches Stadium — die Erde als ein Wirtschaftsraum — gezwungen worden, während in der Politik kontinentale Zusammenfassungen schon gewagte Utopien waren und geistig-seelisch eher eine Entfernung als eine Annäherung der Völker stattfand. Dem commercium entsprach kein connubium. Der mechanische Apparat wuchs der Menschheit über den Kopf, statt von ihr gelenkt zu werden. Zwei Wege der Lösung bieten sich hier, jedenfalls theoretisch. Entweder die Völker politisch und bewußtseinsmäßig vorwärtszudrängen zu einem Beziehungsstatus, der ihrer weltwirtschaftlichen Verbundenheit annähernd entspricht oder aber die Weltwirtschaft in primitivere Stadien zurückzuentwickeln, die einzelnen Völker aus ihrer wirtschaftlichen Verbundenheit möglichst zu lösen, sie in individueller Vereinsamung oder in kleinen Gruppen- 136

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