Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 5 (Juni 1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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und fruchtbar zu machen. Im folgenden seien hierzu nur einige Anregungen gegeben. Krojanker läßt bei seinen Darlegungen die klassenmäßigen- und nationalpolitischen (Reaktion auf das Versailler Diktat) Voraussetzungen des neudeutschen Nationalismus im wesentlichen bei Seite. Wer auch nicht auf die materialistische Geschichtsdarstellung eingeschworen ist, wird — so geht es mir jedenfalls — gerade an der Krojankerschen Darlegung den notwendig fragmentarischen Charakter jeder Erörterung sozialer Prozesse erkennen, die ihrer Klassenbedingtheit nicht nachfragt. Doch auch bei geflissentlicher Beschränkung auf eine rein geistesgeschichtliche Entwicklung des behandelten Phänomens bleiben Zweifel offen. Krojanker geht davon aus, daß wir in der entscheidenden Krisis des Liberalismus leben, der sich wirtschaftlich, politisch und ideologisch durch Ueberspannung seiner eigenen Prinzipien selbst widerlegt und erledigt habe. Das kann ich nur sehr bedingt als richtig anerkennen. Monopol - bildung und Protektionismus sind, vielleicht notwendige, Denaturierungen des wirtschaftlichen Liberalismus, sicherlich aber nicht dessen folgerichtige Weiterentwicklungen. Ich werde hier an den bekannten Witz erinnert, wonach ein armer Jude, der bei einem Reichen zum Essen eingeladen gewesen ist, nach Hause gekommen, seiner Frau davon vorschwärmt. Er gibt ihr das Rezept eines Kuchens, der ihm besonders gemundet hat. Sie versucht den Kuchen danach herzustellen, doch, da ihr die erforderlichen Zutaten entweder gar nicht oder nur in schlechteren Qualitäten oder geringeren Mengen zur Verfügung stehen, gerät ihr die Speise auch nur dementsprechend. Als sie dann davon kostet, ruft sie aus: „Von allem Schlechten will ich so wissen, wie ich weiß, was den Reichen eigentlich so gut schmeckt!'* — So kann man dem Liberalismus nicht zur Last legen, was aus seinen Rezepten geworden ist, nachdem -man sie nur unzulänglich befolgt und in verschiedenster Weise verpfuscht hat. Damit soll nichts .für diese Rezepte und ihre Brauchbarkeit gesagt werden. Noch weniger ist die politische Demokratie mit dem Liberalismus irgendwie gleichzusetzen. Darauf ist schon an anderer Stelle hingewiesen worden. Demokratische Verfassungen hat es in von liberalen Gedankengängen unangekränkelten Zeitaltern gegeben und wird es in solchen wohl wieder geben. Dagegen spricht auch nicht, daß die moderne Demokratie dem geistigen Arsenal der Aufklärung Waffen entnommen hat — das hat auch der aufgeklärte Absolutismus, haben auch, wie von Krojanker richtig bemerkt, Konservativismus und Sozialismus getan. Die Demokratie scheint mir ein formales Ordnungsprinzip der Gesellschaft, das mit ganz verschiedenen, wenn auch selbstverständlich nicht mit allen geistigen Grundhaltungen verträglich *st. Die wohl kaum zu bestreitende Krisis der Demokratie, die wir jetzt durchleben, erscheint mir nicht als Ursache und auch nicht so sehr als Teilkomplex der sozialen Gesamtkrisis wie als deren Folge. Ich glaube, daß die pemokratie als gesellschaftliche Ordnungsform auf längere Dauer nur haltbar ist bei einigermaßen stabilen Verhältnissen, d. h. wenn entweder das Kräfteverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit annähernd konstant ist oder aber ihre Ziele und Interessenrichtungen nicht zu konträr sind, so daß ein Ausgleich zwischen ihnen möglich ist oder ihre Ablösung ohne jähen Bruch 135