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Der jüdische Student · 1932-05-01 · Heft 4 (Mai 1932) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
29 (1932)
Issue
Heft 4 (Mai 1932)
Date
1932-05-01
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
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innerlich und äußerlich halten zu "können. Es ist leichter und eine gewisse Versuchung, sich zu sagen, es muß möglich sein, eine Synthese zu finden. Ich glaube, hierin liegt eine tiefe Verkennung der Situation. Es gibt in jeder Zeit Entwicklungen, die wie eine Welle die Menschheit ergreifen. Auch der Kommunismus ist so eine Bewegung, wo an einer Stelle der Welt etwas Neues eingesetzt hat, bestimmt dazu, später die Welt zu erfassen. Ich warne aber davor zu sagen, daß das Zeitproblem heute überhaupt die Frage des Kommunismus ist. Ich will ihn gewiß nicht bagatellisieren, er ist aber nicht schlechthin d i e Fragestellung der Zeit Es gibt zwei solche Fragen, deren Beantwortung nicht zusammenzufallen braucht. Die eine ist erwachsen aus der wirtschaftlichen Katastrophe, dem Bankerott des Kapitalismus. Sie liegt dem Kommunismus wesentlich zugrunde. Damit verbunden ist die Frage, die vom Kommunismus durchaus nicht beantwortet wird, jedenfalls nicht von dieser Form des Kommunismus: der neuen sozialen Ordnung der Menschen untereinander und ihrer Beziehung zur Gesamtheit. Ich erinnere daran, daß heute sich in Rußland wesentliche Entwicklungen abspielen, die wir unter diesem Gesichtspunkt ablehnen müßten, auch wenn wir der Meinung sind, daß dort die wirtschaftliche Frage gelöst ist. Der Zionis- \ mus hat auch dazu etwas zu sagen. Das Kardinale seines Wesens ist nicht das, was auf dem Boden des Kommunismus gelöst werden soll. Eine Synthese mag vieles erleichtern. Aber wenn wir an das Problem des Kommunismus wirklich herankommen, ist unverkennbar, daß es sich hier um etwas handelt, was unserer national geführten Bewegung antithetisch ist. Es berührt uns \ deshalb überraschend und befremdend, wenn uns von dort das Wort national entgegentritt. Der Versuch zur Synthese fußt auf einer Verwechselung der Begriffe Nation und Nationalismus. Die Stellung des Kommunismus zur nationalen Frage kann nie das lösen, was wir als nationale Frage erkennen. Der Kommunismus könnte nie das übernehmen, was wir unter nationaler Bewegung verstehen. Die Tragik des Judentums dem Kommunismus gegenüber liegt darin, daß wir eben noch keine Nation sind, sondern erst eine werden. Diese Aufgabe kann uns der Kommunismus nie abnehmen, und nur die Bewegung wird wirklich ihr Ziel erreichen, die sich dieses Ziel als ihr letztes setzt. Nebenbei können solche Ziele nie erledigt werden. Für den Kommunismus ist die jüdische Frage nur eine Frage nebenbei, das zeigt erst kürzlich wieder Kalinins Rede über Biro-Bidjan mit aller Deutlichkeit. Der Kommunismus versteht unter Judenfrage die Frage, die die Juden zum Objekt hat. Die Juden geben ihm nicht den gleichen Angriffspunkt wie die andern, deshalb arbeitet er an einer „Lösung der Judenfrage". Wenn das aufhört, ist für ihn die Judenfrage gelöst. Wir aber wollten wieder Subjekte unseres Schicksals werden. Darum kann uns der Kommunismus nicht helfen. Wenn man das nicht glaubt, sondern sagt: „Unsere Menschen leben doch nicht in der Luft, wir müssen diesen Dingen darum auch Rechnung tragen", so ist das ein Irrtum. Der Sieg des Kommunismus wäre für das Judentum etwas ganz anderes, als es der Sieg des Liberalismus war. In diesem gab es einen großen Bezirk des staatsfreien Lebens. Der Kommunismus aber hat die Praetention, die Gesamtheit des politischen, kulturellen und sozialen Lebens der Gruppen zu erfassen, die unter ihm leben. Deshalb erwächst der jüdischen Idee durch 122

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