Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Völkern, unter denen wir leben, kein einheitliches nationales Ideal. Bisher ist die nationale Idee immer der Anspruch einer bestimmten Gruppe gewesen» des Adels, der Bürgerschaft, der Arbeiterschaft. Wir leben nicht unter den gleichen territorialen, ökonomischen und politischen Bedingungen wie andere Völker, und darum hat unser Nationalismus nicht den Charakter wie bei anderen Völkern. Mit dem Begriff national ist bei uns eine Klasse als Repräsentant und Gewalthaber der Nation nicht verbunden. Und da bei uns nationale Erneuerung, wenn die Sache etwas Reines, Echtes ist, nicht klassengebunden sein kann, darum muß seine Proklamation auch identisch sein mit unseren Forderungen nach sozialer Erneuerung. Und wenn dann ein Revisionist im Zeichen des „Nationalismus" auftritt und verlangt, daß eine Schicht unseres Volkes ihren sozialen Freiheitskampf nicht führen darf, so ist das ein Nationalismus, der gegen den Zionismus Zeugnis ablegt. Darum bedeutet in der Debatte mit dem Kommunismus der Revisionismus eine sehr starke Belastung. Dasselbe gilt für den zionistischen Sozialismus: auch er könnte nicht durch stereotypes Kopieren der aus den Klassenkämpfen anderer Völker abgeleiteten Dogmatik der jüdischen Sonderposition den richtigen Ausdruck verleihen und muß seine Eigenart kämpferisch durchsetzen. Man kann aber nicht, wie Blumenfeld meint, gegen den Strom schwimmen. Dann schwimmt man eben doch in einer „Richtung". Die Orthodoxie hat versucht, sich einer Entwicklung entgegenzusetzen, einen Zaun zu errichten. Was hat sie damit erreicht? Warum war es gut und adlig und richtig, mit dem Strom zu schwimmen, als er liberal war, aber ist es nicht mehr und assimilatorisch, wenn er nicht mehr liberal sondern sozialistisch ist? Wollen wir uns materiell behaupten, Menschen gewinnen, den Palästina-Aufbau fortsetzen, so müssen wir uns auch geistig behaupten, müssen wir die Eigenart unserer Situation und des jüdischen Menschen auch auf sozialistischem Terrain überzeugend darlegen und aufdecken kJnnen, daß unser Werk die Entwicklung vorwärts treibt. Es geht nicht gegen den Strom, sondern ist ein Werk, das den jüdischen und den allgemeinen Fortschritt weiterführt. Kurt Winter (Macc. Königsberg.) Bisher hat sich die Diskussion im Wesentlichen darum gedreht: Mit welcher Argumentation können wir uns mit jüdischen Kommunisten oder solchen, die es werden wollen, auseinandersetzen? Das ist gewiß ein Ziel für eine solche Diskussion. Wir müssen uns SDer vorher noch über eine Vorfrage unterhalten. Wir müssen uns klar werden über die Fragen, die von uns aus gesehen der Fragenkomplex Zionismus-Kommunismus enthält. Wir haben nicht eine so weit geklärte Stellung, daß wir ohne Belastung dieses Thema diskutieren können. Für uns Jüngere ist c-cr Kommunismus eine Frage, die in uns selbst noch Konflikte hervorruft» Wir müssen uns darum klar werden über das Grundsätzliche, das eine zionistische Haltung einer kommunistischen gegenüber möglich macht. Viele haben * ersucht, eine Synthese einzugehen. Das ist bis zu einem gewissen Grade ein Symptom dafür, daß hier grundlegende Fragen einer inneren Stellungnahme n°ch nicht geklärt sind. Wir sehen im Kommunismus eine Bewegung, die ,rüendwic die Zukunft der Welt repräsentiert. Deswegen ist es für uns eine chicksalsfrage, ob es uns gelingt, gegenüber dieser Macht den Zionismus 121