Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Obwohl getragen und finanziert von einer bürgerlichen Bewegung, hat sich der Aufbau zu einem erheblichen Teil von vornherein in sozialen Bahnen bewegt. Wir nahmen hier eine Entwicklung voraus, die uns später vielleicht aufgezwungen würde. Wir können durchaus bewußt diese Entwicklung mitmachen und uns zugleich unser Judentum bewahren. Bedeutet das, wie Blumenfeld meint, wirklich den Untergang des Judentums? Ich glaube, nein« Auch die Geschichte beweist das Gegenteil. Es waren nur einige wenige, die nach der Emanzipation dem Judentum verloren gingen und sie hatten kein Volk hinter sich. Die Juden werden Juden bleiben unter jedem Regime. Es ist ein gefährliches Mißverständnis vieler von uns, dem jüdischen Kommunismus gegenüberzutreten nur als einer neuen Spielart der Assimilation. Für den Juden ist bei der Entscheidung für den Kommunismus ausschlaggebend seine wirtschaftliche und soziale Lage. Wir müssen feststellen, daß auch der Kommunismus seine nationale Gebundenheit hat, und daß die Judenfrage ungelöst bleiben wird, selbst in einer hundertprozentig kommunistischen Welt, wenn sie nicht gleichzeitig national gelöst wird. Das Resultat meiner Ausführungen ist darum: Wir müssen den Weg der Synthese gehen an Stelle der Antithese, weil wir in ihr verlieren werden. Wir können dabei vielleicht unsere Menschen halten, aber niemals neue gewinnen. Wir müssen uns klarmachen: Wie man früher Kapitalist sein konnte und Zionist, so wird man in Zukunft Kommunist sein können oder nicht, aber die zionistische Notwendigkeit wird weiter bestehen. Lichtheim; Ich würde es für ganz falsch halten, wenn wir diese ganze Debatte über Nationalsozialismus, Kommunismus usw. irgendwie unter parteipolitisch gefärbten Gesichtspunkten behandeln. Ebenso halte ich es für gefährlich, wenn die Diskussion sich auflöst in eine Art ideologischen Brei, ohne zu einer klaren Stellungnahme zu gelangen. Das heutige Thema heißt: Zionismus und Kommunismus. Blumenfeld hat einen Grundgedanken ausgesprochen, der mir richtig erscheint, daß nämlich letzten Endes Zionismus und Sozialismus (oder Kommunismus) zwei verschiedene Aufgabenkreise sind, und daß der Versuch einer künstlichen Vereinigung dieser Aufgaben verfehlt ist- Wie stellt sich der Zionismus zum Kommunismus, der zweifellos heute rein praktisch gesprochen ein Gegner von ihm ist? Wir können den Kommunismus nicht durch eine theoretische Widerlegung seines Gedankensystems zu bekämpfen suchen. Dieser Aufgabe sind wir vielleicht als Einzelne, aber nicht als politische Gemeinschaft gewachsen. Wenn man dem Kommunismus etwas gegenüberstellen will, was ihn wirklich bekämpfen und vernichten soll, so kann das doch nur ein anderes soziales System sein. Da kennen wir nur eines: das kapitalistische. Will jemand von uns heute den Kommunismus im Namen des Kapitalismus angreifen? Nein. Darum haben wir als Zionisten keine Basis für die grundsätzliche Widerlegung des Kommunismus. Noch verfehlter ist es, wenn, wie es in manchen ältlich-bürgerlichen zionistischen Kreisen üblich ist, der Kommunismus im Namen der Schabbothruhe, des ungestörten Freitagabends und des gemütlichen Familienlebens bekämpft wird» Das ist aussichtslos und hoffnungslos. So kann man einer Bewegung mit so ungeheuren Prätentionen nicht begegnen. Man kann also den Kommunismus nicht theoretisch mit Hilfe der Nationalökonomie widerlegen und auch nicht mit Hilfe eines etwas angestaubten bürgerlichen Familienideals. Ich gehe 114