Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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ökonomischen und sozialen Tatsachen über neue große Kriege erfolgen wird. Daraus werden dann die neuen großen Staatensysteme, die gleichzeitig autarke Wirtschaftsräume sind, entstehen. Was wir heute in Deutschland an Autarkie erleben, bedeutet nicht eine staatliche und ökonomische Neuordnung, sondern nur wachsende Verelendung und die schließliche Erkenntnis, daß der Nationalismus innerhalb der historischen Grenzen in hoffnungsloser Position ist. So wie nach 45 Jahren Bürgerkrieg das römische Imperium 250 Jahre pax romana erlebt hat, so wird auch Europa erst wieder zu einem neuen Gleichgewichte kommen, wenn die historischen Staatsformen und Staatsgrenzen neuen Bildungen Platz gemacht haben. Wir dürfen uns also nicht auf die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus beschränken, denn Kommunismus ist nur eine der möglichen Lösungen. Propagandistisch mag die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus wichtig sein. Erfolgversprechend ist sie aber nur, wenn man einen ganzen, kompromißlosen Zionismus vertritt. Mit spitzfindigem Gerede ist nichts getan. Deswegen glaube ich, daß man Blumenfelds Worte über unser Verhältnis zur Umwelt — wir sollen die Episoden und Spielarten einer sich neu gestaltenden Welt nicht zu ernst nehmen — unterschreiben kann. Wir Zionisten sollen uns nicht in unseren Erkenntnissen und in unserer Haltung -irritieren lassen von Episoden, auch wenn sie weltgeschichtliche Bedeutung zu haben scheinen, Blumenfeld hat richtig gesagt: Man kann nur Zionist sein, wenn man gegen den Strom schwimmt. Im deutschen Zionismus schwimmt man aber nicht gegen den Strom, sondern paktiert mit allen möglichen modernen Bewegungen und Geistesströmungen. Man hat sogar schon angefangen, den Nationalsozialismus mit einer Gloriole zu umgeben. Wenn Blumenfeld in seinen Handlungen so konsequent wäre, wie in seinen Reden, müßte er längst Revisionist sein. Wir wissen nicht, was von dem jüdischen Volke nach der ungeheuren, eben erst begonnenen Revolution übrig sein wird. Aber keinesfalls dürfen wir irgendwelchen Schein- und Augenblickserfolgen zuliebe den großen und eindeutigen Gedanken des Judenstaates preisgeben. Palästina kann und muß sich notfalls seihst halten, wenn einmal kein Geld aus dem Galuth kommen sollte. Aber das jüdische Volk kann sich in den kommenden Gefahren nicht halten, wenn man an die Stelle eines ganzen Staatszionismus im Sinne Herzls einen schönrednerischen Chowewezionismus setzt, der Brücken zum Kommunismus und womöglich auch zum Nationalsozialismus schlägt. Wir müssen endlich einmal die Welt des 20. Jahrhunderts und unsere Stellung in ihr so sehen lernen, wie sie wirklich ist. Mit schönrednerischen Analysen, die dem 19. Jahrhundert angehören, kommen wir in Deutschland zu einer völligen Zersetzung des Zionismus. Fritz Löwenstein: Ich möchte an das Problem anders herangehen. Mit dem Zionismus anfangen und von dort aus zu den anderen Fragen kommen. Für uns ist entscheidend, daß in der augenblicklichen zionistischen Situation der Schwerpunkt wieder in die Galuth gerückt ist, daß die Auseinandersetzung mit ihren Kräften als eine Frage der Gewinnung von jüdischen Menschen zum Zionismus und Rettung unserer eigenen Menschen vor den Strömungen der Umwelt von wesentlichster Bedeutung ist. Wir werden immer stärker 112