Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Jebten, wieder als Zeitgenossen in die Welt eintreten können. Jede Untersuchung der tatsächlichen Entwicklungsvorgänge wird zu dem Ergebnis kommen, daß dem Juden das Mitleben am Weltgeschehen nur durch die volle Verwirklichung des Zionismus ermöglicht wird. Zugleich mit der Verwirklichung seiner Ziele befähigt der Zionismus das jüdische Volk in aller seiner Sonderart gleichzeitig der Zeit und ihren Strömungen verknüpft zu sein. Leben in Erez Israel erst eine Million Juden, dann konnte dieses jüdische Volk auch an der Phase der kommunistischen Entwicklung nach seinem Willen legitim teilnehmen. Es könnte diese Entwicklung bekämpfen oder ihr erliegen; die nationale Substanz würde auch durch die zweite Entscheidung nicht zerstört werden und jede Garantie wäre dafür gegeben, daß aus der Fülle der jüdischen Totalexistenz die Kraft für die Teilnahme an anderen uns noch unbekannten Strömungen erwachsen würde. Keiner Menschengruppe, und am wenigsten der jüdischen, kann zugemutet werden, eine Entwicklung zu bejahen, wenn dabei gleichzeitig die Brücke über die Jahrtausende gestört werden muß. Für die grundsätzliche Entscheidung ist es nicht wesentlich, ob zum Beispiel in Rußland die Regierung die nationalen Aspirationen der Juden begünstigt, ob die jüdische Kolonisation in Rußland gelingt und ob Biro- Bidschan ein geeignetes Ansiedlungsgebiet ist. (Alle zuverlässigen und unvoreingenommenen Beurteiler stehen den offiziellen russischen Angaben und. besonders den tatsächlichen Mitteilungen der jüdischen Agitatoren aus Sowjetrußland skeptisch gegenüber und bestreiten die Richtigkeit der Zahlen und der faktischen Behauptungen). Interessant ist nur, daß auch dort, solange Juden als Juden in die Erscheinung treten, die Judenfrage besteht und daß, wenn man schon das bolschewistische Beispiel für maßgebend hält, unmöglich den jüdischen Kommunisten in Deutschland zugemutet werden kann, als Individuen in der K.P.D. die Lösung ihres jüdischen Problems zu erwarten, das doch in Rußland wenigstens als nationales Kollektivproblem erkannt und anerkannt ist. Wie orthodox-marxistisch auch immer der Ablauf der Geschichte beurteilt werden mag, die Fragen der geistigen und kulturellen Entwicklung können nicht ausgeschaltet werden. Für die europäischen Völker soll durch die Diktatur des Proletariats die Voraussetzung für die Teilnahme Aller an den geistigen Gütern geschaffen werden. Diese überaus primitive Betrachtungsweise trifft für die Mitglieder des jüdischen Volkes keineswegs zu. Otto Heller hat durchaus recht, wenn er seiner kommunistischen, in erster Linie gegen den Zionismus gerichteten Propagandaschrift den Titel „Untergang des Judentums" gibt. Das Judentum steht heute vor der Frage, ob es in seiner Art an der Zukunft der Menschheit teilnehmen will, oder ob es unter Verzicht auf die Eigentümlichkeit seines geistigen Habitus und seiner Produktivität sich in eine Weltwelle werfen will, von der es verschlungen wird. Für die Haltung der jüdischen Kommunisten ist es bezeichnend, daß sie die durch den Kommunismus gezeichnete Lebensordnung für ebenso endgültig halten wie die Juden des 19. Jahrhunderts die durch Jen Liberalismus geschaffenen Formen von Staat und Wirtschaft. Damals wie heute war der zeitliche Ausdruck von Politik und Wirtschaft gleichsam die Erfüllung der 109