Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Im liberalen Staat bestand die Möglichkeit der geheimes Bewahrung der letzten Quellen jüdischen Lebens. Dieser Staat kannte die staatsfreie Persönlichkeit, er mischte sich nicht in die Bezirke privater Lebensgestaltung und ermöglichte jene merkwürdigen, von uns bekämpften, die jüdischen Bezirke ebenso einschränkenden wie betonenden Formein für die Rechtfertigung jüdischer Existenz in Staat und Volk, Größere Anforderungen an die Ausschaltung der privaten jüdischen Sphäre stellte der Sozialismus der Vorkriegszeit, und der Kommunismus unserer Tage tritt mit dem Anspruch auf, das gesamte Leben zu regeln, soweit überhaupt eine Möglichkeit für eine allgemeine Ordnung gegeben ist» Der Jude unserer Tage weiß heute aus Büchern, aus Erkenntnis, durch Augenschein und persönliches Erleben um das Massenproblem aller Völker; auch die Einsicht der zeitlichen Bedingtheit dieser heute schwierigsten Frage beeinflußt ihn nur selten in seinem Verhalten. Er glaubt, daß Wirtschaft und Welt genau so eine notwendige und endgültige Einheit bilden wie einmal Freihandel und Freiheit und noch früher die Parolen der französischen Revolution. Er vermag unter dem Druck der auf ihn erstürmendem Ereignisse nicht zu durchschauen, daß in der kommunistischen Welt, im Zusammenhang mit der Schaffung einer Neuordnung der Gesellschaft, Bündnisse geschlossen und Kriege vorbereitet werden, Friedensbewegung und Angriffsgeist ihre Stätte haben, daß gleichzeitig Prinzipien und Inhalt der Erziehung, sprachliche Entwicklung, Kunst und Denken "das Leben der Menschen ausfüllt, und daß sie schon durch die Bindung an Land und frühere Geschlechter den Ort der Verwirklichung für die eigene Lebensleistung findet. Was heute als Proletkult gescholten wird, kann daher morgen Leistungen von einzigartigem Wert hervorbringen, — Der Jude, der heute in der kommunistischen Welt Zeitgenosse sein will, verliert seine Substanz. Kein nichtjüdischer Doktrinär kann so wie er mit d^r vollen Verwirklichung aller gegen die Vergangenheit gerichteten Forderungen ernst machen. Da dem Juden die natürlichen Voraussetzungen des Lebens fehlen, er vom Land getrennt ist, die eigene Sprache entweder verloren hat oder mit leichter Mühe abzustreifen vermag, die Totalität seiner Erinnerungen als veraltete Religion praktisch ans seinem Leben auszuschalten weiß, wird er im Gegensatz zu den Mitglied-ern aller anderen Menschengruppen nur mit der Tatsächlichkeit seiner körperlichen Existenz und mit den noch vorhandenen spezifischen formenden Fähigkeiten seines Geistes, aber ohne jeden gemeinsamen jüdischen Inhalt zum Teilnehmer des neuen kommunistischen Lebens. Was die Assimilation in der liberalen Aera nicht vermocht hat, das kann allzu schnell in der kommunistischen Welt gelingen: der völlige Untergang des Judentum. Es bleibe dabei ununtersucht, ob dem kommunistischen Juden dieser Untergang erwünscht ist oder nicht. Schon die Erfahrung in Rußland zeigt," daß trotz Anerkennung der jüdischen Nationalität und trotz des guten Willens der Sowjetregierung , die Tatsächlichkeit des Judeseins anzuerkennen, der jüdische Auflösungsprozeß mit Riesenschritten vorwärts schreitet. Für den Zionismus besteht nicht die Frage, ob er Zeitströmungen bejahen oder verneinen kann, sondern die Frage, wie Juden die lange Jahrhunderte in. Europa in ihrer — durch die Emanzipation zerstörten — Sonderexistenz 108