Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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noch in ihrer Wirkung abgeschwächt, auch wenn in dem sichtbaren Teil der Lebensentwicklung, in der Behandlung der aktuellen Probleme, bewußt der Versuch gemacht wird, sich von der Vergangenheit, von der Vertikale des eigenen Daseins zu trennen. In der franzosischen Revolution und z. B. heute in Sowjetrußland hat man durch radikale politische Neuordnung den Schnitt zwischen Gegenwart und Zukunft auf der einen Seite und Vergangenheit auf der anderen Seite zu ziehen versucht. Mit der Neuordnung sollte zugleich auch die in allen Dingen neue Welt beginnen; — aber das Land blieb dasselbe, die Sprache setzte ihr Leben fort, die Erinnerungen stiegen immer wieder empor und der neue Mensch ist in seinen funktionellen Fähigkeiten aufs engste dem von ihm bekämpften Menschen der eigenen Vergangenheit verwandt, obwohler in seinem gegenwärtigen Verhalten nur durch den einen neu gewonnenen Inhalt bewußt beschäftigt wird. Glaubte er, in der sichtbaren Sphäre der vergangenen Generation, sich nur für die Frage der nationalen Existenz interessieren zu müssen, so glaubt er heute, daß von ausschließlicher Wichtigkeit das Problem der Neuordnung von Wirtschaft und Gesellschaft ist. Aber beide Male hat er die Möglichkeit, hinabzusteigen in die Tiefe seines Wesens und sich Rat zu holen bei den „Müttern". Und unverlierbar bleibt ihm jene Welt, mit der seine Gegenwart ebenso sehr verbunden ist wie irgendeine Vergangenheit oder Zukunft seiner menschlichen Gesamtentwicklung. Nur bei den Juden ist es anders geworden. Bis zur Emanzipation haben sie darauf verzichtet, Zeitgenossen zu sein. Sie lebten zwar in der Zeit, aber doch als zeitlose Mitleber jeder Periode ihrer Geschichte. Zwanglos waren Moses, König David, die Propheten, die großen Lehrer und Dichter des Mittelalters Begleiter jedes jüdischen Geschlechts; die Ereignisse der Vergangenheit* flössen für die Juden ineinander. Wichtig war für sie der Auszug aus Mizrajim, der Aufbau und die Zerstörung des Tempels, der Kampf gegen Haman; Zeitgenosse im eigentlichen Sinn waren sie bestenfalls nebenbei. Von den sie umspülenden Weltwellen nahmen sie nur das für ihre äußere Existenz Notwendigste auf. Seitdem die Juden sich auf die Ebene des allgemeinen Lebens begeben haben, mußten sie urplötzlich Zeitgenossen der neuen europäischen Welt werden, deren Entwicklungsprozeß für sie einige Jahrhunderte lang unerheblich geblieben war. Zeitgenossenschaft bedeutete Einordnung in den sichtbaren Teil des Lebens; in die verborgenen unsichtbaren Teile des Volksorganismus der einzelnen europäischen Nationen brauchte und konnte der Jude nicht eindringen. Man nahm teil am aktuellen Lebensproblem, das man fälschlich für die Totalität des Lebens überhaupt hielt. In dieser Sphäre war Mitreden und Mitkämpfen möglich, dort konnte man eingegliedert sein, solange man sich über die Zeitgebundenheit des aktuellen Kampfobjekts zu täuschen vermochte. Nur in der Sichtbarkeit des Daseins gelang die Einfügung, nur im Mitwirken an der Lösung des aktuellen Problems. Wenn aber in der Welt der Nationen die Beseitigung der Vergangenheit niemals gelang, so konnten die Juden erfolgreich und mit jedem neuen Versuch erfolgreicher den vertikalen Zusammenhang mit ihrer Geschichte unterbrechen, Der Jude als Zeitgenosse bezahlte Mitleben mit Assimilation. 107