Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 4 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Blumenfeld entwickelt in seiner Rede folgende Gedankengänge: Bei der jüdischen Auseinandersetzung mit der Umwelt muß man sich darüber klar sein, daß eine kritische Gegenüberstellung von gegenwärtigem Judentum und aktueller nichtjüdischer Umgebung erst seit den Tagen der Emanzipation stattfindet. Die Meinung ist unbegründet, daß die Juden in ihrer gesamten Entwicklung immer bewußt mit den Zeitströmungen fertig geworden sind. Das trifft nur für das voll entwickelte jüdische Leben im Altertum zu, für die hellenistische Periode und für gewisse Phasen der mittelalterlichen Geschichte. Von der Renaissance bis zur Emanzipation gab es wesentlich nur ein Nebeneinander von Judenheit und den Völkern der Welt. Alle heute bestehenden Kontroversen haben es auch bei einer historischen Begründung immer mit dem. letzten kurzen Zeitraum zu tun, an dessen Anfang die französische Revolution steht. Seit dieser Zeit werden auch dem Juden die Probleme der Welt aufgezwungen. Diese Probleme waren fast in jeder Generation andere. Die geistige Haltung und die politischen Vorstellungen eines Europäers sahen im Jahre 1789 anders aus als 1848, als 1880, als 1914. Niemals wurde eine Zeitstromung durch die andere dadurch ersetzt, daß ihre Probleme eine Lösung fanden; „Probleme werden nicht gelöst, sondern abgelöst." Diesen Vorgang behandelt auch Carl Schmitt in seiner Schrift „Der Begriff des Politischen", in der er von der Neutralisierung der politischen Kampfobjekte bei fortschreitender Entwicklung spricht. Er weist darauf hin, daß die Sache, die in einer Zeit so sehr im Mittelpunkt des Denkens und Strebens der Menschen steht, daß in ihrem Kopf nichts anderes Platz zu haben scheint, in einem nächsten Abschnitt völlig uninteressant und unerheblich wird. Wo einmal religiöser Kampf war, wird später eine bestimmte Wirtschaftsfrage oder eine Frage staatlichen oder nationalen Machtstrebens umkämpft. Die abgelösten Fragen bestehen zwar weiter, sind aber politisch neutralisiert und geben in der anderen Periode keinen Anlaß zu kämpferischer Auseinandersetzung. Die menschlichen Triebe bleiben dieselben, der Aggressionstrieb erfährt keine Abschwächung, aber der Inhalt des aktuellen Lebensproblems wird ein anderer. Durch die Neutralisierung der Kampfobjekte wird die Kontinuität der geschichtlichen Entwicklung bei keinem normalen Volk unterbrochen. Jede- Zeit mit ihrem besonderen erregenden Inhalt ist ein Glied im Ablauf der nationalen Geschichte.' Wer sich mit der Totalität der Völker befaßt, stellt fest, daß auch in Zeiten leidenschaftlichster revolutionärer Erregung immer nur ein Teil der gesamten menschlichen Substanz der Nation in Bewegung versetzt wird. Um die Erkenntnis durch ein Bild zu illustrieren, sei etwa an einen Eisberg erinnert, bei dem 1jf über die Oberfläche des Wassers herausragt, 6^7 aber unsichtbar unter der Oberfläche bleiben. So spielt sich auch der für die Dauer der Geschichte wichtigere Teil des Lebens der Nation unterhalb des in Bewegung gesetzten sichtbaren Teiles ab. Alles durch den Prozeß des Werdens Erworbene, das dem ganzen Volke Selbstverständliche, die Eigentümlichkeit der schöpferischen Fähigkeit, die unsichtbaren geheimnisvollen Untergründe und Urgründe des Daseins, die im Unbewußten lebenden Kräfte und Sehnsüchte, sie werden weder vernichtet 106