Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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zionistischen Auffassung —: daß es nämlich keiner Kraft der Welt gelingen wird, diese politisch entgegengesetzten Winkel zu Komplementwinkeln umzubiegen. Alles Reden von politischer Verständigung ist Gewäsch, weil die Araber auf nichts verzichten werden, und — wenn es hart auf hart geht — auch wir werden auf nichts verzichten wollen. Es gibt nur einen Weg der Annäherung — sagen wir der Verständigung — und der geht über die Zone der wirtschaftlichen Interessen. Hierüber habe ich vor fast zwei Jahren ausführlich geschrieben. Im letzten Jahr haben sich zwei sehr wertvolle Anfänge einer ,^wissen Wandlung gezeigt, die meine Ueberzeugung verstärkt haben, daß nur über wirtschaftliche Kooperationen den politischen Gegensätzen die Spitze abgebogen werden kann. Der eine Fall ist der Chauffeurstreik, der zu hundertt Prozent durchgeführt wurde, obwohl der Mufti ein strenges Verbot ausgab, aach mit den Juden in dieser Frage zusaramenzutun. Und derselbe Mufti, der bei jeder politischen Aktion die gesamten Araber gegen die Juden auf seinai Seite hat, wurde bei dieser antiwirtschaftlichen Parole vollkommen überhöitt Es war eine absolute Einheitlichkeit zwischen jüdischen und arabischen Chauffeuren, die vielfach auf <lie Bevölkerung selbst übergriff, die diesem Streik ihre Sympathie und Unterstützung gewährte". Noch wichtiger als die wirtschaftliche Solidarität der Juden und Araber war die Tatsache, daß die geistige Führung bereits am Anfang und besonders am Ende stark in den Händen der Juden lag — und zwar nicht so sehr der jüdischen Chauffeure als der jüdischen wirtschaftlichen •Gremien. Als die Handelskammern von Jaffa-Tel-Awiw (ohne arabische Mit- " Glieder), von Jerusalem (mit Arabern) und Haifa (lohne Araber) strikt den Abbruch des Streiks verlangten, wurde der Streik iii friedlicher und disziplinierter Weise beendigt. Der zweite Fall gemeinsame: politischer Aktion war erst in den letzten Tagen der in der Frage der Getraidezölle. Juden und Araber "hielten eine gemeinsame Handelskammer-Konfarenz. „Haaretz" stellte den besonders warmen und freundschaftlichen Ton zwischen Juden und Arabern fest, und seltsamerweise — die Juden verträte, den Zollschutzstandpunkt, der in erster Linie den Fellachen und nicht dm städtischen Juden zugute kommt, während die arabischen Vertreter und ühteressenstände, die am Getreidehandel sehr interessiert sind, für Aufhebung der Einfuhrbeschränkungen eintraten. Es siegte der von den Juden verbetene Standpunkt. Das sind Tatsachen, aus denen ich keine GeneralschlüssK ziehen will und auch niemandem rate, solche zu ziehen. Aber wieder ffeage ich mich, wo die verlorenen Positionen liegen. IL Wie sieht es nun in unserer eigenen Wirtschaft aus, zeigen -sich dort gefährliche Schrumpfungen, wirtschaftliche oder kolonisatorische Rückbildungen und Zeichen einer Stagnation? Wenn man auf diese Fragen zu sprechen kommt, so muß man zunächst auf einen möglichen Irrtum aufmerksam machen: die Verwechslung von Wirtschaft und öffentlichen Finanzen. Da nicht die lokale Wirtschaft die Lasten dkser öffentlichen Leistungen trägt, so kann man aus dem Zustand dieser Finanzen nicht ohne weiteres einen Rückschluß auf die Wirtschaftslage in Palastina ziehen. Vor einigen 'Wochen schrieb mir Julius Berger, daß er bei Unterhaltungen über die Wirt- 23